Berlinale 2012

Die Kinder- und Jugendfilmsektionen der Berlinale 2012

Joven und Alocada

„Empfohlen ab 16 Jahren“: Das ist eine Novität im Programm von Generation, dem einstigen Kinderfilmfest der Berlinale. In diesem Jahr wird sie erstmalig ausgesprochen – und das gleich für zwei abendfüllende Filme der Reihe 14plus, die sich an die älteren der jungen Zuschauer wendet. „Joven & Alocada“ lautet der Titel des Films, für den diese Altersempfehlung ausgesprochen wird, ein Titel, der selber etwas Programmatisches hat. Seine Protagonistin ist die 17-jährige Daniela, Tochter von wohlhabenden Evangelisten in der chilenischen Hauptstadt, die ihre sexuellen Fantasien in einem Blog öffentlich macht. Aber bei Fantasien bleibt es nicht, gleich in der ersten Szene legt sie Hand an sich. Regisseurin Marialy Rivas zeigt Sex im Zeitalter der totalen Verfügbarkeit – alles ist möglich, nichts berührt.
Züchtiger geht es im US-Gegenstück zu: „Electrick Children“, der diesjährige Eröffnungsfilm von 14plus erzählt von der 15-jährigen Mormonin Rachel, die eines Tages schwanger ist, obwohl sie schwört, noch keinen Sex gehabt zu haben. Zugeben muss sie allerdings, dass sie eine Kassette mit Rockmusik gehört hat. Und bei einem der Songs sei der Heilige Geist in sie gefahren. Also begibt sie sich auf die Suche nach dem Sänger, dessen Stimme dafür verantwortlich sein muss. Die Ironien der Geschichte unterspielt Regisseurin Rebecca Thomas, die die Zuschauer eher zum neutralen Beobachter einer ganz und gar fremden Welt macht.
Comes A Bright DayMaryanne Redpath, Leiterin der Generation, spricht bei „Joven & Alocada“ von „unserem Skandalfilm“. Aber sie tut das mit einem Lächeln. Die Kontroverse ist durchaus erwünscht: Gewalt unter Jugendlichen, Mobbing, Vergewaltigung, all dies wurde in Filmen des Programms in den letzten Jahren wiederholt thematisiert. „Im Allgemeinen haben Eltern, Pädagogen und Kritiker eher Probleme mit den Filmen als die Kinder selber. Wir sind dabei der Auffassung: Die Kinder verdienen viel mehr Respekt für das, was sie aufnehmen können“, sagt die gebürtige Neuseeländerin, seit 2009 Leiterin der Sektion.
Ursprünglich kommt sie von der Theater- und Multimediaszene her. Am Ende einer langen Reise mit ihrem damals kleinen Sohn kam sie 1985 – als Resultat eines Münzwurfs – aus London nach Berlin. 1993 arbeitete sie erstmals für die Berlinale und konnte bald darauf ihre Interessen als Assistentin von Renate Zylla, die seinerzeit das Kinderfilmfest leitete, umsetzen.
„Das war ein Ort, wo ich mich wirklich zu Hause fühlen konnte.“ Mit Generation vollführt sie in jedem Jahr den Spagat zwischen dem jugendlichen Berliner Publikum und der Aufmerksamkeit der Fachleute. Seit zwei Jahren gibt es die programmatische Bemühung, exklusiver zu werden, die Filme sollen zumindest europäische Erstaufführungen sein. „Wir haben keinen Film an das Festival von Rotterdam verloren“, sagt Redpath mit berechtigtem Stolz zum diesjährigen Programm.
Eine der Welturaufführungen ist der britische Film „Comes a Bright Day“, das Regiedebüt von Simon Aboud mit prominenten Hauptdarstellern, etwa Timothy Spall (bekannt aus mehreren Filmen von Mike Leigh) oder Imogen Poots (zuletzt die Heroine im Vampirfilm „Fright Night“). Was wie eine romantische Komödie beginnt, entwickelt sich zu einem Kammerspielthrillerdrama, als die Hauptfiguren in einem Juweliergeschäft zu Geiseln zweier Räuber werden, von denen zumindest der eine ein Psychopath ist, der sogleich eine alte Dame erschießt. Das ist, bei aller Kürze, eine schockierende Szene, die über dem nachfolgenden Geschehen hängt und dem Film eigentlich eine Empfehlung ab 16 Jahren hätte eintragen sollen.

Text: Frank Arnold

Joven & Alocada
13.2., 15.00, HKW 1
14.2., 15.30, Cubix 8
18.2., 20.00, HKW 1
19.2., 14.00, CinemaxX 3

Electrick  Children
10.2., 19.30, HKW 1
11.2., 16.30, CinemaxX 3
12.2., 15.30, Cubix 8
19.2., 11.30, CinemaxX 3

Comes a Bright Day
12.2., 20.00, HKW 1
14.2., 16.30, CinemaxX 3
18.2., 15.30, Cubix 8

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