Berlinale 2012

Die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2012

Westerland

„Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“ Diesen erzähltheoretischen Aphorismus Godards haben viele der in der Reihe Perspektive Deutsches Kino vertretenen Filmemacher zur Methode erhoben und erforschen Möglichkeiten des nicht-zielgerichteten Erzählens. Sektionsleiterin Linda Söffker hat auch in ihrem zweiten Jahr nicht das Gefällige und für den Mainstream Taugliche ausgesucht, sondern das Sperrige, Offene, auf eine leise Art Wagemutige frisch vom Schneidetisch. Der auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis zu beobachtende Trend zur Beschäftigung mit der Komplexität und Bedrohtheit familiärer Beziehungen bestätigt sich an den hier gezeigten Filmen, wobei die Zugänge thematisch und stilistisch vielfältig sind.
Bei den Langspielfilmen beeindruckt neben „Westerland“ von Tim Staffel, der seine leise, langsame Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern aus der spektakulären Szenerie des winterlichen Sylt heraus entwickelt, vor allem Jan Speckenbachs Kriminalstück „Die Vermissten“. Hier geht es – ein im Programm wiederholt auftauchendes Motiv – um ein vor langer Zeit fremd gewordenes Kind, dessen plötzliches Verschwinden den Vater, einen Ingenieur für Reaktorsicherheit, auf eine Odyssee schickt. Der unbestimmte Landstrich zwischen Hannover und Wolfsburg wird unter dem genauen Blick zur kargen Seelenlandschaft, und das Unheimliche ist wieder mal das sich entfernende Vertraute in Gestalt der Kinder und ihrer stillen, beharrlichen Rebellion. Sie gehen einfach weg, wollen unter sich bleiben. Eine mysteriöse Jugendbewegung im Banne des Rattenfängerfluchs.
Dass auch die vertriebsorganisatorisch so undankbaren mittleren Längen ihren besonderen Reiz haben können, zeigt eindrücklich Julian Pörksens „Sometimes We Sit and Think and Sometimes We Just Sit“. Ein Kammerstück im wahrsten Wortsinne, präsentiert dieser Film nicht nur den originellsten Titel, sondern auch das auf sparsame Art skurrilste Setting: Ein 50-Jähriger zieht in ein Pflegeheim und will einfach nur bei geschlossenen Vorhängen dasitzen: „Ich hab’s gern, wenn alles so gedämpft ist.“ Da haust er nun wie der alte Diogenes in seiner Tonne und strahlt diese seltene Aura der Selbstgenügsamkeit aus, die alle um ihn herum anzieht.
Dieser minimalistische Erzählradius kontrastiert mit Filmen, die ein Fenster aufstoßen und allein durch ihr Einlassen auf einen fremden Schauplatz mehr Welthaltigkeit transportieren. In „Ararat“ beschreibt Engin Kundag die Archaisierung der Gefühle an einem archaischen Schauplatz. Auch die umgekehrte Integration kann scheitern, der zurückgekehrte Deutschtürke der Außenseiter sein, die „Schwuchtel“. Die winterliche Pastorale „Karaman“ von Tamer Yigit und Branca Prlic begleitet zwei Heimatbesucher in einer anatolischen Provinzstadt, eine junge Studentin aus Istanbul und einen Mann aus Deutschland. Es passiert nicht viel, doch aus der Beobachtung des Alltagslebens wird eine Topografie der türkischen Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne ablesbar.

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Foto: Salzgeber

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