Berlinale 2012

Die Retrospektive der Berlinale 2012

Jenseits der Straße

Der Film, von dessen Dreharbeiten „Die Zigarettenverkäuferin von Mosselprom“ neben diversen anderen Verwicklungen erzählt, soll ein Porträt des Alltagslebens im modernen Moskau werden. Aber der Geist der neuen Zeit mag sich nicht recht Bahn brechen, denn unterdessen hat sich der Kameramann in die kecke Titelheldin verliebt, die nun den Sehenswürdigkeiten die Schau stiehlt. Auch in „Miss Mend“ leistet die Liebe gründliche Sabotagearbeit: Zwei Reporter bringen ihren Redakteur zur Verzweiflung, weil sie in ihrem Artikel keine Fakten über den Arbeitskampf liefern, sondern lieber Schönheit und Mut der streikenden Heldin preisen.
Die Verlockungen der Pflichtvergessenheit sind ein häufiges und stets ungeniertes Motiv in den Filmen der privaten Produktionsfirma Meschrabpom, die 1924 in Folge der Neuen Ökonomischen Politik der Sowjetunion entstand. Der russische Name ist die Abkürzung für „Internationale Arbeiterhilfe“ – ein Begriff, den die Produzenten weit großzügiger auslegten, als es der politischen Führung lieb sein konnte. In Jakow Protasanows Science-Fiction-Epos „Aelita“ lassen sich unterdrückte Marsbewohner noch blitzschnell indoktrinieren und schmieden Hämmer und Sicheln. Aber weit häufiger mangelte es ihren Produktionen an weltanschaulicher Eindeutigkeit. Boris Barnets lyrische, slapstickhafte Erkundungen des Alltags waren kühn in ihrer Wahl eines entschieden privaten Blickwinkels. Nikolai Ekks „Der Weg ins Leben“ feiert zwar die sozialisierende Wirkung der Arbeit, kann aber zugleich seine Sympathie für die vorwitzige kriminelle Energie seiner jungen Helden nicht verhehlen.
Die Meschrabpom wich von der Generallinie ab, in dem sie auf populäre Genres setzte. Der offiziellen Kritik waren die Filme meist zu bürgerlich, die Milieus zu mondän: Man sah zu viele Menschen im Frack. Tatsächlich herrscht in vielen Produktionen eine verblüffende Nähe zum Hollywoodkino. Die ungeheure Popularität westlicher Stars ist in „Der Kuss von Mary Pickford“ Gegenstand einer hinreißenden Satire. Im Alternativtitel „Wie Douglas Fairbanks und Igor Ilyinski sich um Mary Pickford streiten“ blitzt gar die Utopie einer Seelenverwandtschaft beider Kulturen auf.

Text: Gerhard Midding

Foto: Deutsche Kinemathek

Die rote Traumfabrik
Programm siehe tip-Extra „Berlinale 2012“ auf Seite 53.

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