Berlinale 2012

Ein Interview mit Angelina Jolie

Angleina Jolie

tip Frau Jolie, in Ihrem Film „In the Land of Blood and Honey“ schildern Sie die Erfahrungen einer Bosnierin in einem serbischen Gefangenenlager. Warum wählten Sie als schillernder Hollywoodstar ausgerechnet den Balkankrieg als Thema Ihres Regiedebüts?
Angelina Jolie Zunächst einmal bin ich kein schillernder Star. Ich gehe über rote Teppiche, um eine Premiere zu feiern – das gehört zum Job. Den Rest projizieren die Medien. Einen Film zu drehen hatte ich nie geplant, aber dieses Thema hat mich gewählt. Ich habe die Region oft besucht, mit Kriegsopfern und Menschen in Flüchtlingslagern gesprochen und ihre Geschichten gehört. Die Wunden heilen langsam. Geblieben ist das Unverständnis, dass die Weltgemeinschaft den Massakern so lange zugesehen hat.

tip Ist Ihr Film eine politische Anklage?
Angelina Jolie Nein, ich bin nur eine empörte Frau, die ihren Gefühlen und Gedanken künstlerisch Luft zu schaffen versucht. Ich bin keine Expertin und ganz gewiss keine Richterin. Aber die Kriegserlebnisse von Menschen aller Parteien haben mich nicht losgelassen, und ich verstehe nicht, dass dieser Krieg fast schon wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Also habe ich mich hingesetzt und ein Drehbuch geschrieben. Nur für mich, ohne Software, voller Fehler. Der erste Entwurf war reinstes Chaos. Aber die Idee wuchs – und ich nahm jede Hilfe an, die ich bekommen konnte.

In The Land Of Blood And Honeytip In welchen Bereichen fühlten Sie sich als Neuling am unsichersten?
Angelina Jolie Die Frage müsste heißen: wo nicht? (lacht) Ein paar kluge Freunde aus der Branche haben das Buch gelesen und mir Tipps bei der Struktur gegeben. Beim Schreiben dachte ich nie daran, dass ich Regie führen würde. Ich bin Schauspielerin, ich bilde mir nicht ein, etwas von Kameralinsen oder Szenenaufbau zu verstehen.

tip Warum haben Sie sich dennoch hinter die Kamera gewagt?
Angelina Jolie Vielleicht ist es egoistisch, aber es fühlte sich falsch an, die Verantwortung abzugeben und als ausführende Produzentin nur zuzuschauen. „In the Land of Blood and Honey“ ist mein Versuch, eine Debatte über unsere Apathie gegenüber Krisenregionen in der Welt anzuregen. Jeder, der sich für das Projekt interessierte, ermutigte mich dazu, auch Regie zu führen. Die Aussicht erschreckte mich, doch Furcht war schon immer meine größte Motivation. Der Dreh wurde zu einer der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens.

tip Sie besetzten den Film mit international unbekannten Schauspielern und drehten im Original. Alles, nur nicht Hollywood?
Angelina Jolie Nein, so habe ich nie gedacht. Auch aus Hollywood kommen relevante Filme über den Krieg und seine Folgen. Doch mir war immer bewusst, dass ich nur Gast bin und einen Film über ein diffiziles Stück Geschichte eines Landes drehe, das ich nur an der Oberfläche kenne. Gedreht haben diesen Film am Ende die serbischen und bosnischen Schauspieler und die Crew, die mir bei jedem Detail dabei halfen, eine ehrliche Geschichte zu erzählen. Es gibt nichts in diesem Film, was nicht durch die Erinnerungen und die Verarbeitung aller Beteiligten gedeckt ist.

In The Land Of Blood And Honeytip Wie gewöhnungsbedürftig war es für Ihr Team, mit der populärsten Schauspielerin der Welt zu arbeiten? Man stellt sich das etwas surreal vor.
Angelina Jolie Wir haben den Film recht heimlich und versteckt vor Presse und Öffentlichkeit gedreht. Den üblichen Zirkus um meine Person wollte ich schon aus Respekt vor dem Stoff unbedingt vermeiden. Wir haben uns auf der Ebene von Schauspielern und Kreativen getroffen, die ein gemeinsames Ziel erreichen wollen, und ich bin stolz darauf, tiefe Freundschaften geschlossen zu haben. Es spielt keine Rolle, ob jemand Theater in Europa spielt oder Kinofilme in Amerika dreht. Am Ende stehen sie zusammen auf einem kalten, windigen Set, unter zeitlichem und emotionalem Druck – und die Leidenschaft für die Arbeit, mit der man diese extremen Wochen zusammen durchsteht, ist bei jedem genau gleich.

tip Würden Sie sich als Schauspielerin mehr politische Stoffe wie „A Mighty Heart“ von Michael Winterbottom wünschen?
Angelina Jolie Ich wünsche mir generell mehr politisch interessante Filme, aber ich sehe mich im Kino nicht als Botschafterin meiner Überzeugungen. Ich bin nicht notwendigerweise für Interventionen, und vor allem militärisches Eingreifen kann immer nur ein letzter Schritt sein. Ich erhoffe mir hingegen mehr Prävention und Information. Natürlich sind das hochkomplizierte Prozesse. Aber nichts darf unversucht bleiben, um Zivilisten zu beschützen. Ob ich deswegen noch einmal Regie führen werde, weiß ich nicht. Privat versuche ich mit meiner Arbeit für die UN bereits sehr viel Aufmerksamkeit auf Missstände zu lenken. Nur dafür ist mein sogenannter Ruhm schließlich gut.

Interview: Roland Huschke

Fotos: Ken Regan / GK Films / Wild Bunch Germany

In the Land of Blood and Honey (Special)
11.2., 20.30, HdBF
12.2., 18.00, Cubix 8

Hijos de las nubes, la ъltima colonia (Special)
16.2., 17.00, HdBF
18.2., 22.30, International

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