Berlinale 2012

Ein Interview mit Meryl Streep

Die eiserne Lady

tip Bei dieser Vorgehensweise bleiben zwangsläufig etliche Punkte der politischen Biografie außen vor.
Meryl Streep Dessen war ich mir bewusst. Wir haben hier keine All-inclusive-Lösung. Über dieses Leben könnten unzählige Filme gedreht werden, und in der ersten Entwicklungsphase, die ungefähr zehn Jahre zurückliegt, drehte sich das Projekt um den Falkland-Krieg. Aber ich finde den Ansatz von Drehbuchautorin Abi Morgan interessanter. Sie nimmt eine politische Figur und erzählt damit eine unglaublich persönliche, fast existenzia­listische Geschichte. Wobei wir auch Thatchers Schwächen nicht verschweigen – inbesondere ihre unbedingte Selbstsicherheit, die zwangsläufig in Hybris umschlägt.

tip Angeblich sahen Sie die Notwendigkeit, Ihre Figur in „Kramer gegen Kramer“ gegen die Meinung der Öffentlichkeit zu verteidigen. Gilt das auch für Thatcher?
Meryl Streep Das habe ich in der Tat in puncto Joanna Kramer gesagt. Denn ihre Figur war bloß eine Chiffre – auch für die Drehbuchautoren. Sie war die böse Mutter, die ihren Mann und ihren Sohn verließ, aber ich wollte begreifen, warum sie sich so verhält. Bei Margaret Thatcher dagegen ist so etwas nicht nötig. Sie hat ihren Platz in der Geschichte – in Granit geschrieben. Und ich wollte wissen, welchen Preis sie dafür bezahlte.

tip Wie stark versuchten Sie eigentlich, sie zu imitieren?
Meryl Streep Es war wichtig, die jüngere Margaret Thatcher möglichst wirklichkeitsgetreu zu zeigen – die große Attitüde ihrer öffentlichen Auftritte, wie sie ihre Ansichten unverblümt, aber gleichzeitig fast emotionslos vertrat. Dazu gehörte es auch, ihre Stimme nachzubilden, die sie selbst im Lauf der Jahre veränderte, bis hin zu ihrer Haltung beim Sitzen und Stehen, wie sie ihren Kopf neigte, wenn sie einen Punkt machen wollte, wie sie ihre Beine übereinanderschlug. Als Grundlage hatte ich unzählige Archivaufnahmen. Aber für die alte Margaret Thatcher, die an Demenz erkrankt ist, hatte ich nur meine Imagination. Normalerweise spiele ich eine fiktionale oder eine reale Person, in diesem Fall war es beides.

Die eiserne Ladytip Haben Sie versucht, Sie zu treffen?
Meryl Streep Nein, dazu gab es keine Gelegenheit. Ich hatte es auch nicht erwartet. Die wahre Grundlage für die alte Margaret Thatcher war meine Person – und das Spiel meiner Kollegen wie Jim Broadbent, der Denis Thatcher darstellte und mir vermittelte, was diese Frau für ihn bedeutete. Ich glaube auch nicht, dass sie den Film sehen wird und kann. Aber sollte das wider Erwarten doch der Fall sein – was mich sehr freuen würde –, dann hoffe ich, dass sie unsere Intentionen versteht.

tip Suchen Sie jetzt weiter nach Rollen dieses Kalibers?
Meryl Streep Nun, als Nächstes spiele ich in einer Sexkomödie. Aber ich suche nicht unbedingt nach großen Rollen. Ich versuche mich in die Vision eines Regisseurs einzupassen, selbst wenn ich dabei nur Teil eines Erzählteppichs bin. Abgesehen davon werden mir nicht so viele tolle Projekte angeboten.

tip Selbst einer zweifachen Oscargewinnerin nicht?
Meryl Streep Ich bin ja überglücklich, dass ich überhaupt noch solche Rollen wie Margaret Thatcher angeboten bekomme. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, mich mit 40 zur Ruhe zu setzen, weil es für Schauspielerinnen ab diesem Alter nichts Nennenswertes mehr im Kino zu spielen gab. Pro Jahr lese ich bestenfalls fünf interessante Drehbücher, und da­runter ist vielleicht eines, das wirklich großartig ist. Das liegt daran, dass die meisten Filme für Männer gemacht werden. Die Studios freuen sich zwar, wenn wir Frauen ins Kino gehen – aber in ihrem Blickwinkel sind wir nur die Begleiterinnen unserer Partner.

tip Aber aufhören wollen Sie nicht?
Meryl Streep Ich habe noch enorme Reserven an angestauter Energie – Leidenschaft, Frustrationen, Ängste. Die muss ich irgendwie hinauslassen. Abgesehen davon habe ich nichts gegen einen weiteren Oscar. Zumindest eine Dankesrede würde ich gerne verfassen. Die Statuen selbst sind ja nur Staubfänger.

Interview: Rüdiger Sturm

The Iron Lady (Special)
14.2., 22.30, Berlinale-Palast
15.2., 10.00, HdBF
15.2., 21.30, Thalia Kino Potsdam

Hommage Meryl Streep
Programm siehe tip-Extra „Berlinale 2012“ auf Seite 63.

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