Berlinale 2012

Ein Interview mit Meryl Streep

Die eiserne Lady

Eigentlich kommt der Goldene Bär für das Lebenswerk im Fall von Meryl Streep etwas spät. Denn die 62-Jährige hatte schon vor vielen Jahren damit gerechnet, ihre Karriere mangels guter Angebote zu beenden. Doch stattdessen wird die zweifache Oscargewinnerin von der Branche mit immer neuen Prestigerollen bedacht – wie aktuell als Margaret Thatcher in „The Iron Lady“ („Die eiserne Lady“; Kinostart: 1.3.), für die sie gerade erst erneut für den Oscar nominiert wurde. Trotz aller Anerkennung für ihre darstellerische Leistung irritierte sie mit diesem Film manche Kritiker – insbesondere in England.

tip Frau Streep, was halten Sie persönlich von Ihrem Porträt Margaret Thatchers?
Meryl Streep Ich kann das momentan nicht objektiv beurteilen. Es fühlt sich so an, als hätte ich selbst das Leben dieser Figur geführt.

tip War es ein alter Wunsch Ihrerseits, in die Haut dieser Person zu schlüpfen?
Meryl Streep Ich habe sicher nicht nach dieser Rolle gesucht. Streng genommen fing es damit an, dass ich im Central Park die Mutter Courage spielte. Regisseurin Phillyda Lloyd sah mich in der Inszenierung und bot mir aufgrund dessen die Hauptrolle in „Mamma Mia!“ an – obwohl ich mit damals 58 viel zu alt dafür war. Ein Mann hätte mich vermutlich nie so besetzt. Aufgrund des Erfolgs von „Mamma Mia!“ ließ man sie „Die eiserne Lady“ machen. Ich hatte mit ihr in der Zwischenzeit über verschiedene Ideen diskutiert, und eines Tages sagte sie mir: „Ich habe ein Drehbuch zu Margaret Thatcher, das ich dir gerne schicken würde.“ Und ich meinte: „Oh mein Gott, das will ich spielen!“

Die eiserne Ladytip Sie waren sich doch bewusst, wie kontrovers die Person Thatchers ist?
Meryl Streep Natürlich. In den Zirkeln, in denen ich mich in den 80ern bewegte, war ihre Politik alles andere als populär – um es vorsichtig auszudrücken. Ich war ja auch keine Unterstützerin Rea­gans. Und meine Freunde und ich machten uns auch über ihr Aussehen lustig, wenngleich wir beeindruckt waren, dass eine Frau sich in dem großen Männerclub England durchgesetzt hatte. Aber all das machte das Ganze noch interessanter. Wer hat schon die Gelegenheit, die erste weibliche Staatschefin des Westens zu spielen? Und das war der erste Film in meiner Laufbahn, in dem ich ein ganzes Leben aus einem komplett subjektiven Blickwinkel darstellen konnte.

tip Dieser Blick auf Thatcher ist aber sehr sanft, was dem Film vor allem in England einige Kritik eingebracht hat.
Meryl Streep Weil die Kritiker nicht unbefangen ins Kino gehen – wie bei all meinen anderen Filmen. Das überträgt sich auch auf die Zuschauer, denn jeder hat schon vorher darüber gelesen und bringt seine vorgefertigte Meinung mit. Die Leute in England sind natürlich vehementer in ihren Überzeugungen – sie sind entweder für oder gegen Thatcher. Dabei sollte ihnen dieser Film helfen, sich selbst besser zu verstehen.

tip Was meinen Sie damit?
Meryl Streep Wir zeigen keine triumphale Aufstiegssaga; bei uns geht es um jemand, der die Macht abgegeben hat und sich von seinem Leben verabschiedet. Manche nehmen daran Anstoß, dass Thatcher im Großteil des Filmes alt ist. Aber das ist der Punkt. Und das ist genau das Subversive an „Die eiserne Lady“. Denn in unserer Gesellschaft und folglich auch im Kino werden alte Leute stigmatisiert. Doch gerade sie interessieren mich besonders, denn sie vermitteln die ganze Bandbreite der menschlichen Existenz. Wir werfen hier einen tiefen Blick in das Sein einer solchen Person und versuchen das allgemein Menschliche darin zu finden. Wir alle werden schließlich mit den Erscheinungsformen des Älterwerdens und unserer Sterblichkeit konfrontiert.

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