Berlinale 2012

Filmkritik: „Captive“ im Wettbewerb

Captive

Eine Geiselnahme im Namen Gottes und des Lösegeldes: Eine Gruppe von Touristen und Missionaren wird 2001 von schwer bewaffneten islamischen Separatisten aus einem philippinischen Urlaubsort in den Dschungel verschleppt – und mehr als ein Jahr lang gefangen gehalten. „Captive“ dramatisiert eine historische Episode aus dem bis heute bestehenden (und immer wieder eskalierenden) Konflikt um die Inselgruppe Mindanao, in dem Geiselnahmen zu einem lukrativen Geschäftszweig geworden sind. Brillante Mendozas undogmatischer Naturalismus, der mit viel Improvisation, mit Horrorthriller-Soundtrack und fahriger Kamera arbeitet, mutet hier erstmals ein wenig verbraucht, fast konventionell an. Der Regisseur zelebriert zwar mit einiger Hingabe seinen sehr speziellen physischen Realismus, zeigt den Schorf der Schusswunden, die Blutegel an den Körpern und die Insektenbisse in den Gesichtern der Geiseln. Aber „Captive“ ist ein hochnervöser, in seinen Kugelhagel-, Handkamera- und Zoom-Gewittern streckenweise auch monotoner Film geworden, der nicht die Hintergründe eines Krieges ausloten will, sondern bloß die konkrete Situation und die Absurditäten in den Beziehungen zwischen den Terroristen und ihren Opfern. Selbst die virtuose Hauptdarstellerin hat gegen so viel entfesseltes Chaos wenig Chance: Es sieht so aus, als wäre Isabelle Huppert, die hier bleich und mitgenommen als zentrale Leidensfigur in Szene gesetzt wird, von der Regie ein wenig allein gelassen worden.

Text: Stefan Grissemann

Die Chancen auf den Goldenen Bären: Das tip-Bärometer

Captive, Frankreich / Philippinen / Deutschland / Großbritannien 2011; Regie: Brillante Mendoza; Darsteller: Isabelle Huppert, Katherine Mulville, Marc Zanetta, Maria Isabel Lopez, Rustica Carpio; 120 Minuten

Wettbewerb
13.02., 12.00, Friedrichstadtpalast
13.02., 20.30, Friedrichstadtpalast
15.02., 15.00, Friedrichstadtpalast
19.02., 21.45, Friedrichstadtpalast

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