Berlinale 2012

Filmkritik: „Les adieux а la reine“ im Wettbewerb

Les adieux а la reine

Geht es um die bedeutenden Namen der Weltgeschichte, fällt es schwer, nicht augenblicklich an Bert Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ und damit an jene zu denken, die stets die eigentliche Arbeit leisten: „Cäsar eroberte Gallien. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ König Ludwig XVI. und Königin Marie-Antoinette hatten 1789 in Versailles wohl nicht nur einen Koch, sondern Dutzende – sowie ganze Heerscharen anderer Domestiken, Kammerfrauen und Adeligen, deren Dasein sich ausschließlich durch den Hofstaat definierte: als ein Rädchen in einem möglichst reibungslos zu betreibenden Getriebe und durch den Abglanz des Herrscherpaares, das einen selbst wichtiger erscheinen ließ, als man war.
In seinem Wettbewerbsbeitrag „Les adieux а la reine“, dem Eröffnungsfilm der 62. Berlinale, wirft Regisseur Benoit Jacquot einen Blick auf die ersten vier Tage der französischen Revolution aus der Perspektive eben jener Bediensteten: nicht Pomp, Prunk und Spiegelsaal sind das Thema, sondern Hintertreppen, kleine Kammern und dunkle Flure. Gemeinsam mit Sidonie Laborde (Lйa Seydoux), der Vorleserin Marie-Antoinettes (Diane Kruger), streift man als Zuschauer durch den riesigen Palast und entwickelt dabei nicht nur ein schönes Gespür für die dabei zurückzulegenden Wege, für das Ungeziefer, das die Bediensteten plagt, und für einen eklatanten Mangel an Privatsphäre, sondern auch für die hermetische Abgeschlossenheit dieser Welt, in der die Gerüchte von den Vorgängen in Paris sofort eine kopflose Hilflosigkeit auslöst. Und die, um die sich diese Welt dreht, sind dabei nicht weniger hilflos und unbedeutend als alle anderen: Völlig verwundert äußert der König (Xavier Beauvois) im Gespräch mit der Gattin einmal, dass das Volk nicht nur Brot, sondern auch Macht wolle. „Wer will schon Macht haben? Ich dachte immer, das sei eine dieser Unbequemlichkeiten, die man erbt.“
Trotzdem mag Sidonie nicht lassen von ihrer Verehrung für die sprunghafte und launische Königin, die ihre Vorleserin in einer ironischen Volte am Ende vielleicht gerade dadurch rettet, dass sie sie in Gefahr bringt – und sie zugleich ins wahre Leben und damit in die vermeintliche Bedeutungslosigkeit entlässt.

Text: Lars Penning

Foto: Carole Bethuel

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Les adieux а la reine, Frankreich/Spanien 2011; Regie: Benoit Jacquot; Darsteller: Lйa Seydoux, Diane Kruger, Virginie Ledoyen, 100 Minuten

Wettbewerb
09.02., 20.30, Friedrichstadtpalast
10.02., 18.00, Haus der Berliner Festspiele
10.02., 20.30, Haus der Berliner Festspiele
19.02., 10.00, Friedrichstadtpalast

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