Berlinale 2012

Filmkritik: „Tabu“ im Berlinale-Wettbewerb

Wie reich das Kino sein kann, wenn es sich nur Freiheit genug nimmt, wenn es von einfacher Linearität absieht und von formaler Reinheit, ist kaum irgendwo so schön zu sehen, wie in den Arbeiten des portugiesischen Regisseurs Miguel Gomes. „Tabu“ ist einer, zwei, drei Filme, ist berührendes Melodram, Kolonialdrama und Sehnsuchtsphantasie eines ausgehauchten Lebens, aber dabei auch immer Komödie, die jeden erdenklichen Bruch in die Erzählung setzt. Aus der ohnehin schon hakenschlagenden Nachbarschaftsgeschichte des ersten Teils („Verlorenes Paradies“), die in der Gegenwart Lissabons angesiedelt ist, wird mit dem Erscheinen einer verwegenen Abenteurerfigur im zweiten Teil („Paradies“) ein Non-Silent-Movie, das die Erinnerungen an eine fatale, afrikanische, von einem freiheitsliebenden Krokodil anfeuerte Liebe in eine irrwitzige Form packt. Ein Voice-Over begleitet diese Rückblende in eine portugiesische Kolonie der 60er Jahre, in der zwar jedes erdenkliche Naturgeräusch oder Soundbits von madagassischem Yйyй-Pop zu hören sind, aber keiner der gesprochenen Dialoge. Die Spielfreude, die Miguel Gomes‘ gesamtes Werk samt den beiden vorangegangenen Langfilmen („A Cara que Mereces“ und „Aquele Querido Mкs de Agosto“) durchzieht, macht aus „Tabu“ einen wunderbar doppeldeutigen Film, in dem sich Trauer und Freude, Tod und Geburtswehen ebenso in einem Bild überlagern können, wie die vergangenen und gegenwärtigen Vorstellungen der Kolonialwelt, die Gomes aus den Köpfen seiner Helden holt.         

Text: Robert Weixlbaumer

Chancen auf den Goldenen Bären: Das tip-Bärometer 

Tabu, Portugal / Deutschland / Brasilien / Frankreich 2012; Regie: Miguel Gomes; Darsteller: Teresa Madruga, Laura Soveral, Ana Moreira, Carloto Cotta; 119 Minuten

Wettbewerb
15.02., 12.00, Friedrichstadtpalast
15.02., 18.30, Haus der Berliner Festspiele
16.02., 22.45, Friedrichstadtpalast
19.02., 10.00, Berlinale-Palast

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