Berlinale 2012

Heimspiel auf der Berlinale 2012

Barbara

Deutsche Filme, die um den Goldenen Bären konkurrieren, können extreme Gefühle und großen Tatendrang auslösen. Das Publikum geht dann äußerst vorfreudig ins Kino und spendet viel Applaus. Auch einige Filmkritiker fühlen sich bei einheimischen Produktionen besonders gefordert und kämpfen hart darum, den allerersten Verriss zu bringen. Unvergessen Hellmuth Karaseks delirierende Hinrichtung von Dominik Grafs Wettbewerbsfilm „Der Felsen“, den der „Tagesspiegel“ noch vor der ersten offiziellen Pressevorführung druckte. Grottig geschrieben, aber total früh veröffentlicht. Von Hosianna-Rufen bis Gegeifer ist während der Festivaltage vieles im Angebot.
Der Druck auf deutsche Regisseure, die ihre gerade fertig gewordenen Arbeiten im Wettbewerb zeigen, muss also enorm sein. Oder ist alles ganz anders? Diesmal sind drei Regisseure dabei, die alle schon mal Filme im Wettbewerb hatten. Matthias Glasner, Christian Petzold und Hans-Christian Schmid kennen die Berlinale bestens. Wie ist ihre Stimmungslage, und was werden sie im Wettbewerb zeigen? Zum Interview kann man sie jetzt vor dem Festival in einem Produktionsbüro, Schnittstudio oder beim Filmverleih treffen. Die Adressen liegen in den üblichen verdächtigen Ortsteilen: Kreuzberg, Mitte, Friedrichshain. BarbaraGenau betrachtet sind die deutschen Wettbewerbsfilme der Berlinale 2012 im Inneren des Berliner S-Bahn-Rings entstanden.
Außer der Weltpremiere ihrer Filme auf der Berlinale haben Glasner, Petzold und Schmid noch etwas gemeinsam. Alle drei sind in den 1960er-Jahren geboren und in der alten Bundesrepublik aufgewachsen – Glasner im Norden, Petzold im tiefen Westen, Schmid im Süden. Sie sind Regisseure um die 50, die nicht erst seit gestern in Berlin leben und arbeiten. Doch keiner von ihnen hat einen sogenannten Berlin-Film gedreht. Der stammt dieses Jahr vom ewigen Münchener Helmut Dietl, der die Berlinale wie immer auch dieses Jahr scheut. Wenn Dietl einen aufgeblasenen Film über die Berliner Gesellschaft (was immer das sein mag) mit viel Trara auffährt, dann erzählt diese Großspurigkeit natürlich mehr über Münchener Befindlichkeiten als über Berlin. Die Berliner Filmemacher Glasner, Petzold und Schmid beschäftigen sich lieber mit entlegenen Orten und normalen Menschen.
Christian Petzold wartet im Büro des Filmverleihs in der Nähe vom Boxhagener Platz, zweiter Hinterhof, zweiter Stock. Seine Filme „Gespenster“ und „Yella“ liefen schon im Wettbewerb, jetzt zeigt er seinen neuen Film „Barbara“. Natürlich sei es aufregend, sagt er, schließlich werde der Film zum ersten Mal veröffentlicht. Über den diesjährigen Wettbewerb freut er sich aufrichtig: „Als ich las, dass die Regisseure Brillante Mendoza und Miguel Gomes dabei sind, die ich sehr mag, hatte ich das Gefühl, dass es schön wird, dass wir eine gute Umgebung für den Film haben. Das ist ja nicht immer so.“
„Barbara“ ist die Geschichte einer Ärztin (Nina Hoss), die 1980 in der DDR einen Ausreiseantrag stellt, in ein Provinzkrankenhaus strafversetzt wird, in den Westen fliehen will – und sich am Ende zwischen zwei Männern, zwei Gesellschaften und zwei Lebensentwürfen entscheiden muss. Ein schnörkellos erzähltes nüchternes Drama. Beim Gespräch darüber wird Christian Petzold kurz nervös. Doch Berlinale-Stress? Nein, ihm fällt einfach dieser verdammte Name nicht ein. Im Film wird einmal ein Charitй-Arzt angerufen. Aber wie heißt der noch? „So was macht mich fertig“, sagt Christian Petzold und lacht. „Dabei war ich so glücklich über den Namen. Den habe ich aus einer Arztserie mit Lex Barker, ‚Frauenarzt Dr. Sibelius‘, aus den 60er-Jahren. Wir hatten bei den Dreharbeiten viel Spaß damit.“ Dann ist der Name endlich da: Dr. Fabricius, der böse Gegenspieler von Dr. Sibelius.

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