Berlinale 2012

Im Wettbewerb: „L’enfant d’en haut“ – Die Filmkritik

L'enfant d'en haut

Wofür er die Skier, die Skibrillen, die Handschuhe und all das Zeug klauen würde? Um sich DVDs, Spielzeug oder Videogames davon zu kaufen? „Nein“, sagt der zwölfjährige Simon, nachdem er auf einer Ski-Station beim Stehlen erwischt wurde. „Ich mache das für Lebensmittel und Toilettenpapier.“ Der junge Protagonist aus dem Wettbewerbsbeitrag der Schweizer Filmemacherin Ursula Meier lebt in prekären Verhältnissen. Wo die Eltern sind, ist eine ganze Weile unklar. Die kleine Wohnung in einem Hochhausblock teilt er sich mit seiner älteren Schwester, die er durch seine Diebstähle auch mit Finanzspritzen unterstützt, obwohl sie lieber mit wechselnden Männerbekanntschaften unterwegs ist, als sich um ihren Bruder zu kümmern.
Für das soziale Gefälle in der Wohlstandsgesellschaft findet Meier eine ganz simple Verbildlichung im Oben und Unten. Oben in der Touristenhochburg sind die Urlauber, die ihr Geld ausgeben in Restaurants, für Hotels und teure Skiausrüstungen. Unten, nach der Abfahrt mit dem Lift, ist für Simon die Tristesse des ärmlichen Alltags. Selbst wenn es keine größere Auszeichnung für den Film geben sollte, hätte zumindest der herausragende Jungdarsteller Kacey Mottet Klein den Silbernen Bären verdient: Als Simon ist er einerseits zwar gewitzt, clever und weiß, wie er irgendwie durchkommt, andererseits wird dessen Abgeklärtheit wiederholt auch von der Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit durchbrochen.
Anfangs nimmt sich Meier viel Zeit, dem Jungen einfach zwischen den zwei Welten zu folgen. Etwa zur Hälfte des Films wird der Blick auf die Geschichte durch eine kleine Information völlig verändert. Dadurch gewinnt „L’enfant d’en haut“ vor allem in seiner bestürzenden Beschreibung der Mutter-Sohn-Beziehung an Intensität, während man von diesem still beobachteten Porträt eines viel zu früh erwachsen gewordenen, ungewollten Kindes ganz beiläufig, letztlich aber doch voll erwischt wird.

Text: Sascha Rettig

Die Chancen auf den Goldenen Bären: Das tip-Bärometer

L’enfant d’en haut, Schweiz / Frankreich 2012; Regie: Ursula Meier; Darsteller: Lйa Seydoux, Kacey Mottet Klein, Martin Compston, Gillian Anderson; 97 Minuten

Wettbewerb
14.02., 09.30, Friedrichstadtpalast
14.02., 18.30, Haus der Berliner Festspiele

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