Berlinale 2012

„Indignados“ auf der Berlinale 2012

Indignados

Ein Turnschuh wird an den Strand gespült, dann eine Sandale, schließlich entsteigt eine junge Afrikanerin den Fluten, reibt sich die Augen und rennt entschlossen los. Sie hat es geschafft – Europa, Europa! Das bietet sich zunächst als riesiges Getreidefeld dar, mit vollen Ähren, die sich im Wind wiegen, in dem man sich ausruhen und träumen kann. Bald beginnt aber der Alptraum einer langen Irrfahrt. Es ist ein unwirtliches Europa, das wir mit den Augen dieser jungen Frau Betty entdecken, die unsere Sprache nicht versteht und bald nicht mehr weiß, wo sie ist, noch was mit ihr geschieht, ein Europa der Ausgeschlossenen und Illegalen, der Unsichtbaren und Namenlosen, die im Niemandsland in endlosen Reihen ihre Decken und Schlafsäcke neben Bahngleisen ausbreiten und in Pappunterkünften und Zeltstädten hausen.  Bilder, die eher an Kalkutta erinnern als an Paris, die Hauptstadt eines Landes, das Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf seine Fahnen geschrieben hat.
Doch die Revolte gegen die Gleichgültigkeit ist bereits im Gang. „Indignados“, Tony ­Gatlifs fiktionalisiertes Filmzeugnis eines spontanen Aufbegehrens, das sich in ­we­nigen Monaten von Madrid aus auch in ­andere europäische Städte ausbreitete, ist ein Film ohne Dialoge, der bewusst die ­Grenzen zwischen Fiktion und Doku­mentation, zwischen politischem Pamphlet und musikalischem Poem zerfließen lässt, und in dem Gatlif immer wie­der kurze Texte einblendet, die er der Bibel der Indignados, dem Buch „Indignez-vous“, des 93-jährigen französischen ­Stephane Hessel entliehen hat, das in  Deutschland unter dem Titel „Empört Euch“ erschienen ist.
Der in Berlin geborene ehemalige Widerstandskämpfer und Diplomat hat mit seinem  Aufruf zum zivilen Widerstand gegen die rasant wachsende Ungerechtigkeit und allgewaltige Macht der Finanzmärkte  eine regelrechte Hessel-Mania in Frankreich entfacht, wo sein knapp 30-seitiges Bändchen in kürzester Zeit zum Bestseller avancierte. Flankiert von zwei weiteren greisen Weggefährten, Edgar Morin und Claude Alphandery, will der prominente graue Panther, dem Widerstand wichtiger ist als Weisheit, das moralische Gewissen der Nation aufrütteln.
Tony GatlifTony Gatlif (links), in Algerien geborener Rom, hat natürlich nicht auf Hessels Buch gewartet, um sich zu empören, dazu haben ihm die Diskriminierungen gegen sein Volk häufig genug Gelegenheit geboten. Als er jedoch vor zwei Jahren Sarkozys Tiraden gegen die Roma hörte, in denen er ihre Abschiebung aus Frankreich anordnete, platzte ihm der Kragen. „Ich hatte eine derartige Wut, dass ich einen Film darüber machen musste.“
Mit Hessels Broschüre als Vorgabe und dem Autor als Weggefährten, taucht er als teilnehmender Beobachter mit seiner Kamera ein in die Protestbewegungungen der Indignados in Tunesien, Athen, Madrid und Paris, „um zu filmen, was uns empört, aber auch, was uns Hoffnung macht.“
Gatlif spricht schnell und eindringlich, gestikuliert mit den Händen – der Film ist ihm offensichtlich ein existenzielles Anliegen. „‚Indignados‘ ist weder eine inszenierte Fiktion noch ein Dokumentarfilm, in dem ich die Realität manipuliere. In meinem Film ist nichts gestellt, Betty habe ich auf der Straße in Paris gefunden, es ist auch ihre Geschichte. Und ich filme die Gesichter der Menschen nur, wenn ich vorher ihr Einverständnis habe. Ich wollte mit diesem Film etwas völlig Neues versuchen – die Realität so zu zeigen, wie sie sich spontan darbietet, und diese flüchtigen Momente einer realen Situation mit der Kamera einfangen.“
Das mag man nun für gelungen halten oder auch nicht, Tatsache aber ist, dass man Gatlif die Aufrichtigkeit seines Credos nicht absprechen kann. Als ich ihm zum Abschluss des Gesprächs angeregte Diskussionen mit dem Berlinale-Publikum wünsche, reagiert er streng. „Ich habe ‚Indignados‘ nicht gemacht, um darüber zu diskutieren“, korrigiert Gatlif, „für mich ist der Film ein Erfolg, wenn die Leute anschließend auf die Straße gehen und demonstrieren.“

Text: Barbara Lorey

Szenenfoto „Indignados“: Les Films du Losangne

Foto Tony Gatlif: Princes Production

Indignados (Panorama)
10.2., 18.00, International
11.2., 10.30, CinemaxX 7
12.2., 17.00, Cubix 9
17.2., 22.30, Colosseum 1

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