Berlinale 2012

Kino aus Kambodscha auf der Berlinale 2012

Peov chouk sor

Für Europäer ist Phnom Penh der chaotische Hotspot eines Landes, in dem nur junge Menschen zu leben scheinen. Am Flughafen, im Tuk Tuk auf dem Weg in die Stadt, in den Straßen – überall Menschen, die höchstens 30 Jahre alt sind. Und dann das: ein Plakat mit einer asiatischen Pop-Art-Prinzessin vor leuchtend rotem Hintergrund und der Zeile „Golden Reawakening“.
Im Oktober 2009 lud das Chinese House in Phnom Penh mit diesem Plakat zu einer Ausstellung mit Retrospektive zum kambodschanischen Kino der 60er und 70er Jahre ein. Mit Schlagzeilen wie „Golden Reawakening Pays Tribute to the Royality of Khmer Film“ feierten die örtlichen Tageszeitungen „Cambodia Daily“ und „Phnom Penh Post“ die Veranstaltung. Überall gab es Titelgeschichten, Sonderbeilagen und Serien mit Erinnerungen an die kambodschanischen Golden Years. So werden die glücklichen Jahre der Herrschaft Prinz Sihanouks genannt, Jahre, in denen das Land als blockfreier, moderner, linksdemokratischer Staat zu einer Art Schweiz Asiens werden sollte. So verklärt der Blick auf diese Jahre vor dem Vietnamkrieg heute auch erscheint, was das Chinese House 2009 präsentierte, war nichts weniger als der Blick auf eine Epoche, die nahezu spurlos verschwunden ist.
Davy Chou, in Paris geborener Sohn kambodschanischer Eltern, hatte die Ausstellung und Retrospektive mit einem Studententeam der Royal University of Phnom Penh realisiert. Dass er im Frühjahr 2009 aus Paris kam und dieses Projekt initiierte, lag nicht zuletzt an einem Gespräch mit seiner Tante. Von ihr hatte er erfahren, dass sein Großvater, Van Chann, in den 60er und 70er Jahren in Kambodscha ein erfolgreicher Filmproduzent war. Damals entstanden in Kambodscha mehr Filme pro Jahr als in Hongkong.
Am Eröffnungsabend von Davy Chous Projekt war das Chinese House brechend voll: Dy Saveth war gekommen. In den 60er und 70er Jahren gehörte die ehemalige Schönheitskönigin zu den Topstars des Khmer-Kinos. Die Diktatur der Roten Khmer hat eine kaum vorstellbare Schneise geschlagen. Alles was vor 1975 war, ist ausgelöscht: Menschen, Bilder, Filme, persönliche Erinnerungen – die Kontinuität ist unterbrochen, bis heute gibt es kaum einen Anknüpfungspunkt. Nur eine Handvoll Regisseure, ganz wenige Schauspieler und kein einziger Popmusiker haben diese Zeit überlebt. Den
geplanten Film über seinen Großvater legte Davy Chou erst einmal beiseite. Nicht nur wegen fehlender Zeitzeugen und Zeitzeugnissen, eine persönliche Geschichte würde viel zu kurz greifen. Davy Chou: „Wir haben eine ungeschriebene, eine vergessene Geschichte Kambodschas entdeckt, die für das Andenken an so viele Menschen und für die Erinnerung des Publikums wichtig ist.“

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