Berlinale 2012

Queer Cinema auf der Berlinale 2012

Man For A Day

Ein Schattenriss flackert an der Wand, als die junge Tsubura sich vor der Liebesnacht entkleidet: eine grazile Silhouette, aus der unvermutet eine hoch aufgerichtete Erektion ragt. Mit eigenwilliger Poesie überrascht das japanische Debüt „Koi ni itaru yamai“ (The End of Puberty). Die erst 25-jährige Shoko Kimura erzählt darin von einem wundersamen Geschlechtertausch, der sich zwischen einem fantasiebegabten Teengirl und dem verklemmten Mister Madoka vollzieht, ihrem angehimmelten Bio-Lehrer. Für den ist das Abwandern seines Geschlechtsorgans der blanke Horror – aber zugleich ein Spuk von heilsamer Macht. Origineller wird man auf der Berlinale das Spiel um sexuelle Identitätsverwirrung wohl kaum zu sehen bekommen, das die Regisseurin mit Versatzstücken aus Manga- und J-Popkultur garniert.
Gänzlich anders wird das Thema in „Man for a Day“ (Foto oben) aufgegriffen, in dem Doku-Filmerin Katarina Peters Geschlechtertausch als Selbstversuch begleitet. Der Eröffnungsfilm der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ folgt Teilnehmerinnen eines Workshops unter Anleitung von Drag-King Diane Torr, die sich im Lauf einer Woche dem Mann der inneren Träume anverwandeln – samt Probelauf im echten Leben.
Mehr als ein Testspiel ist das Experiment mit der Geschlechterrolle für die Hauptfigur in „Olhe pra mim de novo“. Auf queere Netzwerke kann der als Mädchen geborene Syllvio in Brasiliens nordöstlicher Provinz nur bedingt bauen. Mit einem Mix aus Naivität und individueller Spiritualität hat er dennoch zu einer staunenswerten freigeistigen Auffassung des „Queeren“ gefunden. Der Film folgt seinem Protagonisten bei einem spontanen Roadtrip mit Besuchen bei allen möglichen Menschen, die sich abseits des Gängigen bewegen. Die Regisseurinnen Kiko Goifman und Claudia Priscilla ziehen die queere Pilgerfahrt als lebhaftes Doku-Roadmovie auf, bei dem viele ulkige Zufallsszenen gelingen.
ParadaUm Chauvis, Machos und Tussis und ihre Wandlung in starke Verbündete dreht sich auch die in Serbien spielende Komödie „Parada“, in der ein Macho-Ganove und Kriegsveteran sich plötzlich in der unvorhergesehenen Rolle wiederfindet, als Security-Boss für die Aktivisten der Gay Parade in Belgrad anzutreten. Die herzhafte Überzeichnung männlich-weiblicher Stereotypen erinnert ein wenig an den Kulturen-Clash in Ferzan Ozpeteks Italo-Komödie „Männer al dente“. Mit spürbarer Liebe zu seinen Figuren verliert Regisseur Srdjan Dragojevic sein humanistisches Anliegen nicht aus dem Auge, untermauert etwa die Anfeindung von Gay-Paraden in osteuropäischen Hauptstädten wirkungsvoll mit dokumentarischen Nachrichtenbildern im Hintergrund.
Doku-Bilder rahmen auch den neuen Film von Peter Kern, der in „Glaube, Liebe, Tod“ selbst in der Hauptrolle zu sehen ist. Die Notsituation der Flüchtlinge Nordafrikas rahmt dabei ein unseliges Mutter-Sohn-Gespann, das sich plötzlich mit der politischen Problematik konfrontiert sieht, als sich das Duo zu einem Bootsausflug aufmacht. Ein blinder Passagier auf seiner Flucht aus Nordafrika mischt die von Abhängigkeit geprägte familiäre Zweisamkeit gehörig auf.
König des ComicsNeben dem Wiener Autorenfilmer zählt auch Rosa von Praunheim zu den Stammgästen der „Panorama“-Sektion. Er porträtiert in „König des Comics“ den Star schwuler Bildgeschichten, Ralph König. Um einen Charakterkopf der deutschen Schwulenbewegung dreht sich „Detlef – 60 Jahre schwul“, der dem Naturkost-Pionier Detlef Stoffel gewidmet ist. Für ihr Porträt lassen die Filmemacher Jan Rothstein und Stefan Westerwelle auch prominente Weggefährten zu Wort kommen wie Gustav Peter Woehler, Lilo Wanders oder Conny Littmann.
Die glamourösesten Bilder mit der höchsten Dichte an schönen Körpern, spektakulären Crossdress-Styles und Drag-Boys, die für Justin Timberlake fiebern und sich gegenseitig auf den Laufstegen der „Ball“-Community in L.A. herausfordern, liefert vermutlich das Musical „Leave It on the Floor“. Das Musical taucht dabei, wie sein Referenzfilm „Paris Is Burning“ von 1990, in die Transgender-Subkultur der schwarzen „Ball“-Szene ein: ein Netzwerk von Ersatzfamilien, deren Mitglieder ihre Selbstentwürfe mit viel Glanz und Körperkult bei selbst organisierten Wettbewerben feiern. Die Pracht der tanzenden und singenden Selbstsucher in den „mean streets“ von L.A. liefert ein stilechtes Warm-up für das traditionelle Festival-Finale: die Party zur Verleihung des Teddy-Awards.

Text: Ulrike Rechel

Koi ni itaru yamai (Forum)
15.2., 21.45, CinemaxX 4
16.2., 19.30, CineStar 8
18.2., 12.30, Arsenal 1
19.2., 22.00, Cubix 9

Man for a Day (Perspektive Deutsches Kino)
10.2., 14.00, CinemaxX 5
10.2., 19.30, CinemaxX 3
11.2., 13.00, Colosseum 1
11.2., 20.30, CinemaxX 1

Olhe pra mim de novo (Panorama)
13.2., 17.00, CineStar 7
14.2., 22.30, CineStar 7
15.2., 17.30, Cubix 7
18.2., 22.30, CineStar 7

Parada (Panorama)
13.2., 17.30, Friedrichstadt-Palast
14.2., 10.30, CinemaxX 7
15.2., 17.00, Cubix 9
16.2., 21.30, Babylon Kreuzberg
19.2., 20.00, International

Glaube, Liebe, Tod (Panorama)
13.2., 20.00, International
14.2., 13.30, CinemaxX 7
15.2., 14.30, Cubix 9
16.2., 14.00, International

König des Comics (Panorama)
10.2., 22.30, CineStar 7
15.2., 17.00, International
16.2., 22.30, CineStar 7
18.2., 15.30, Colosseum 1

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