Berlinale 2012

Wettbewerb: Maren Ade und Miguel Gomes im Interview

Maren Ade und Miguel Gomes

tip Der Reiz der Zusammenarbeit liegt hier vielleicht weniger im Sender und am Fördergeld aus Deutschland, sondern im Netzwerk, das sich damit knüpft.
Maren Ade Normalerweise macht man eine Koproduktion, weil in Deutschland gedreht wird, oder weil man wirklich etwas in finanzieller Hinsicht erwartet. Aber wir mochten einfach seine Filme und was er macht …
Miguel Gomes Sie ist eine wirklich gute Produzentin. Wenn ich sagte: „Schwarzweiß!“, sagte sie: „Warum nicht Schwarzweiß? Ich mag Schwarz weiß.“
Maren Ade Wir machen selbst Autorenfilme, also glauben wir an die inhaltliche Freiheit eines Filmemachers.
Miguel Gomes Für einen erwachsenen deutschen Produzenten war es nicht sehr weise, einen Film von mir zu produzieren. Mein letzter Film wurde unter anderem dafür bekannt, dass ich nicht genug Geld hatte, um ihn wie vorgesehen zu machen, und ich also improvisiert habe. Nicht alles an meinen Filmen und vielleicht auch an mir, ist beruhigend. Und ich habe wieder viel improvisiert. Es war eine Vertrauensbeziehung von Anfang an, Maren hat es voll unterstützt, auch wenn sie es überhaupt nicht kontrollieren konnte. Es war eine Wette auf den Film.
Maren Ade Oder auf dich. Und ich kenne ja den Film, den du gemacht hast und finde, die ist aufgegangen. Und jetzt ist „Tabu“ auch noch im Wettbewerb gelandet.

Tabutip Sie waren im Berlinale Wettbewerb mit „Alle Anderen“ und haben zwei Hauptpreise gewonnen. Können Sie den Wert eines Bären beziffern?
Maren Ade Manche Leute dachten danach, ich sei nun reich, aber der Wert liegt natürlich woanders. Zum einen war es eine große Bestätigung für die eigene Arbeit, zum anderen beruhigt es un­gemein, weil man dann leichter den nächsten Film finanziert ­bekommt. Und der Film wurde danach auf viele Festivals ein­geladen, ich konnte reisen und mir tolle Filme ansehen, die hier niemals ins Kino kommen, weil sie keinen Verleih finden. Und man trifft eben andere Filme­macher und es bilden sich die Netzwerke, nach denen Sie ­gefragt haben. Ich fühle mich hier nicht einsam im Filmgeschäft, aber es hebt die Stimmung, wenn man Leute aus anderen Ländern trifft, die dasselbe Kino mögen. Das hat mich wirklich beglückt. Den Wert eines Preises zu messen, ist also schwierig.
Miguel Gomes Oft fragen Leute, wann der Film, den man macht, ein Erfolg oder ein Fehlschlag ist. Was ist die Grenze dazwischen? Das ist schwer zu ­sagen: Wenn der Film einen Preis gewinnt? So und so viele Zuschauer hat? Auf Festivals eingeladen wird?

tip Und was denken Sie?
Miguel Gomes Ich glaube, wenn man einen Film macht, gibt es jemanden da draußen, der diesem Film begegnen wird und die Arbeit, die man gemacht hat, wird wichtig sein und in diesen Menschen bleiben. Ich weiß nicht, ob es eine Person ist oder 300?000. Fürs Geschäft sind 300?000 besser als einer. Aber wie kann man sagen, dass ein Film ein Fehlschlag ist, weil er 5000 Zuschauer hat? Oder keinen Preis auf einem wichtigen Festival gewonnen hat, wo Leute den Film beurteilen, die ihren ganz eigenen Geschmack haben? Wir waren beide schon in Jurys, in Locarno etwa. Man muss mit seinem Geschmack handeln, es ist ein sehr komplexer Prozess. Ich habe da meine eigene Methode: Mit der Jury trinken und hoffen, dass die anderen zuerst niedersinken oder sagen: „Genug! Entscheide du! Ich bin zu betrunken.“ Das ist meine Methode.
Maren Ade Und es hat geklappt?
Miguel Gomes Ich hatte eine wilde Jury.
Maren Ade Ich war in einer anderen Jury. Da wurde Wasser getrunken. Vielleicht ein Problem.
Miguel Gomes Auf einen Preis zu zielen oder auf eine bestimmte Zuschauermenge kann wichtig sein, um den nächsten Film zu realisieren. Meinen ersten Spielfilm wollten in Portugal gerade tausend Leute im Kino sehen, aber ich finde nicht, dass er schlechter ist, als „Our Beloved Month of August“ oder „Tabu“. Er hat den selben Wert, es ist ein anderer Film, er hatte nicht so viele Festivaleinladungen, war kommerziell nicht erfolgreich, aber ich verteidige ihn, auch weil ein paar Leute darin für sich etwas wirklich wichtiges gesehen haben. Und das ist vielleicht der Unterschied: Wie lange ein Film bei jemandem bleibt. Wenn sich jemand an einen Film zwanzig Jahre erinnert, kann das für ihn kein Flop gewesen sein. Er gehört ihm – und wie sollte man das messen? Das sagen wir jetzt so, aber natürlich wollen wir auch Preise.

Interview: Robert Weixlbaumer

TabuZur Person: Miguel Gomes
Mit „Aquele querido mes de agosto“ (Our Beloved Month of August) hat sich Miguel Gomes 2009 als ­einer der originellsten Filmemacher seiner Generation etabliert. „Aquele querido mes de agosto“, eine irrwitzige, improvisationslustige Fusion von dokumentarischen und fiktionalen Elementen, fand aus dem Festival von Cannes den Weg in die Jahresbestenlisten der globalen Filmkritik, zahlreiche Festivals von der Viennale bis Buenos Aires widmeten seinem schmalen Werk, zu dem ein hinreißendes Midlife-Crisis-Karnevals-Musical („A cara que mereces“) ebenso gehört wie der musikalisch-animalische Franz-von-Assisi-Kurzfilm „Cбntico das criaturas“, umfassende Retrospektiven. Gomes, Jahrgang 1972, war Filmkritiker für portugiesische Tageszeitungen, bevor er selbst Filme zu drehen begann. „Tabu“, der im Berlinale Wettbewerb Premiere haben wird, ist die Phantasie einer Liebes­geschichte im kolonialen Afrika.

Zur Person: Maren Ade
Ihre leise eskalierende Liebeskomödie „Alle Anderen“ bekam von der Berlinale Jury 2009 gleich zwei Silberne Bären zugesprochen, davor schon hatte Ade, 1976 in Karlsruhe geboren, mit ihrem Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule „Der Wald vor lauter Bäumen“ (2003) auf sich aufmerksam gemacht. Mit ihrer Studienkollegin Janine Jackowski hat die Berliner Regisseurin die Produktionsfirma Komplizen Film gegründet. Auch Ulrich Köhlers Afrika-Film „Schlafkrankheit“ entstand hier – auf der letztjährigen Berlinale ebenfalls mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Tabu (Wettbewerb)
14.2., 11.45, Berlinale-Palast
14.2., 19.30, Berlinale-Palast
15.2., 12.00, Friedrichstadt-Palast
15.2., 18.30, HdBF
16.2., 22.45, Friedrichstadt-Palast
19.2., 10.00, Berlinale-Palast

zurück | 1 | 2

Mehr über Cookies erfahren