Berlinale 2013

„The Act Of Killing“ im Panorama der Berlinale 2013

The Act Of Killing

Das indonesische Wort für Gangster bedeutet so viel wie „freier Mann“. Das gefällt vor allem den Männern sehr gut, die eigentlich ihr ganzes Leben hinter Gitter gehört hätten. Anwar, Herman und Adi waren neben vielen anderen dabei, als 1965 nach dem Militärputsch unter General Suharto die Jagd auf „Kommunisten“ in Indonesien begann. Alle drei haben zahlreiche Opfer auf dem Gewissen (insgesamt spricht man von einer Million Toter), und sie prahlen noch heute damit.
So war das auch, als Joshua Oppenheimer sie zum ersten Mal traf. „Die Sache entwickelte sich aus meinem früheren Film ‚The Globalization Tapes‘ heraus. In der Provinzmetropole Medan traf ich auf diese Männer, die mir ungerührt von ihren Morden erzählten. Dass sie straffrei geblieben waren, erschien mir unbegreiflich“, erzählt der junge Dokumentarfilmer bei einem Skype-Interview, das er von Kopenhagen aus gibt. Auch der Film „The Act of Killing“, den Joshua Oppenheimer über die indonesische Variante der lateinamerikanischen Todesschwadronen gedreht hat, kann die Mörder nicht der Gerechtigkeit zuführen. Er kann nur einen Gewissensprozess bei ihnen auslösen, und Oppenheimer wählte dafür eine ungewöhnliche Methode. Er ermöglichte seinen Protagonisten, die Taten von einst in Inszenierungen ihrer Wahl nachzustellen – so werden sie hier zu Regisseuren ihrer eigenen Vergangenheitsbewältigung.
„Wir gaben ihnen die Produktionsmittel für ein Re-enactment an die Hand, mit dem sie glaubten, prahlen zu können. Aber es hat dann doch verschiedene Prozesse der Auseinandersetzung ausgelöst, am meisten bei Anwar.“ Dieser schlanke, alte Mann, der einen eleganten Tanz hinlegt, nachdem er gerade demonstriert hat, wie er mit einer Drahtschlinge Menschen stranguliert hat, hat ein dringendes Motiv, sich mit den Verbrechen zu beschäftigen: Er wird seit Jahrzehnten von Albträumen gequält.
Joshua Oppenheimer findet dabei zu einem Näheverhältnis zu den Männern, das den Verdacht der Komplizenschaft aufkommen lassen könnte. Oder hat er vielleicht alles nur gespielt, hat er seine eigentliche Agenda, einen entlarvenden Film zu machen, verheimlicht? „Ich glaube nicht, dass ich ihnen etwas vorgespielt habe. Sie waren sich immer im Klaren, worauf das Projekt hinauslaufen würde. Aber sie haben eben unterschiedliche Möglichkeiten der Selbstdistanz. Adi hat mir am Ende misstraut, und Anwar steht mir bis heute nahe. Generell glaube ich, dass es zum Charakter des Bösen gehört, dass es niemals rein vorkommt. Nicht einmal bei Hitler, so schwierig dieser Gedanke ist.“
Für Joshua Oppenheimer, der unter anderem einer Familie Berliner Juden entstammt (die zahlreiche Opfer in der Shoah zu beklagen hat), sieht seine Beschäftigung mit dem Genozidalen als Teil dieses Erbes. „The Act of Killing“ wurde in Indonesien schon 300 Mal gezeigt. Bei der Berlinale sollte er sowohl als politische Recherche wie als moralische Versuchsanordnung für Furore sorgen

Text: Bert Rebhandl

Foto: Joshua Oppenheimer

The Act of Killing (Panorama)
09.2., 17.00, International
10.2., 11.30, CineStar 7
14.2., 15.00, Colosseum 1
16.2., 20.00, CineStar 7

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