Berlinale 2013

Das Forum Expanded auf der Berlinale 2013

Block Experiments in Cosmococa

Den ungewöhnlichsten Spielort der Berlinale steuert, einmal mehr, das Forum Expanded bei. Wer unerschrocken genug ist, kann sich in der Nacht des 12. Februar aus dem Salzwasserbecken des Liquidroms heraus „Nocagions“, ein „Block Experiment in Cosmococa“ in der Liquidrom-Kuppel mit Filmen von Hйlio Oiticica (1937-1980) ansehen. Die sphärische Projektion mit Unterwasserton ist Teil eines kleinen Schwerpunktes im Festivalprogramm, zu dem neben einer aus originalem Audio- und Filmmaterial komponierten Doku-Collage („Hйlio Oiticica“) im Forumsprogramm auch ein weiteres Cosmococa-Experiment gehört: eine große Installation im Hamburger Bahnhof mit Musik, Diaprojektionen, LPs und kokainverschmierten Katalogcovern, die zeigt, wie der brasilianische Künstler in den 60er- und 70er-Jahren die Grenzen zwischen Malerei, Skulptur und Performance in einem beängstigend vielgestaltigen Produktionsfluss aufhob, Zuschauer in Teilnehmer verwandelte, Werke in Praktiken, Vorschläge, Situationen, die nicht einfach betrachtet, sondern erlebt werden wollen.
Der samba- und drogenunterfütterten Exzesslust, die Oiticicas Schaffen begleitete, kann die Berlinale naturgemäß nur bedingt folgen, auch wenn das Forum Expanded dazu noch am ehesten das Zeug hätte. Es ist die freieste Abteilung der Berlinale, es holt experimentelle Filme aus den Kontexten von Galerien und Museen zurück ins Kino (oder eben ins Schwimmbecken) und muss auch keine technischen Format- oder Längenvorgaben beachten, mit denen andere Sektionen ihre Programme einhegen. Hier laufen auch die neuen Naturkunde-Lektionen von Isabella Rossellini, die am Samstag, dem 9.2., mit Live-Klavierbegleitung und mit der Regisseurin als Erzählerin im Delphi aufgeführt werden.
Berührungsängste hat man beim Forum Expanded aber auch bei anderen Örtlichkeiten nicht: Zu den Veranstaltungsorten zählt in diesem Jahr das silent green kulturquartier im ehemaligen Krematorium Wedding (Gerichtsstr. 37), wo unter dem Übertitel „Waves vs. Particles“ neun Künstler in ihren Filmen und Installationen komplexe Wellenbewegungen erforschen oder Geisterbilder festhalten, die sich in ihre Filme einschleichen.
Gespenstern ist auch das historische Found-Footage-Desastermovie „Yugoslavia. How Ideology Moved Our Collective Body“ auf der Spur. Darin untersuchen Ana Vujanovic und Marta Popivoda mit Wochenschau- und TV-Material die Transformation des jugoslawischen Sonderwegs nach dem Zweiten Weltkrieg ins nationalistische Desaster unter Milosevich. „Die Raumbilder sind die Träume der Gesellschaft. Wo immer die Hieroglyphe irgendeines Raumbildes entziffert ist, dort bietet sich der Grund der sozialen Wirklichkeit dar“, zitieren die Filmemacherinnen eingangs den deutschen Filmtheoretiker Siegfried Kracauer, bevor sie auf der Suche nach ihrer sozialen Wirklichkeit die Massenornamente des jugoslawischen Staatssozialismus betrachten und langsam alle positiven Alternativen schwinden sehen. Ihre Bilder zeigen den Alptraum einer ganzen Gesellschaft.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Quelle: Intenationale Filmfestspiele Berlin

Das komplette Programm des Forum Expanded finden Sie in unserem tip-Berlinale-Extra ab Seite 52.

Download: tip-Berlinale-Extra

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