Berlinale 2013

Die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2013

Silvi

Der demographische Wandel scheint thematisch bei den jungen deutschen Regisseuren angekommen zu sein. Sie reagieren darauf mit Neugierde, Empathie – und Ratlosigkeit. Deutlich zeigt sich das in „Silvi“ (Bild), dem liebevollen Porträt einer Mittvierzigerin, die nach über zwanzig Ehejahren verlassen wird. Es ist ein Film über Menschen, die Schlager hören, über die unauffällige Mehrheit mit ihren Geschichten und Verletzungen, ihren Obsessionen und Spleens. Regisseur Nico Sommers wagt es, von einer Welt zu erzählen, die ihm nicht vertraut ist – um den Preis, dass einiges grob wirkt wie der Reigen erotischer Beziehungsmodelle.
Das Befremden schärft die Aufmerksamkeit, kann aber auch problematisch werden wie in Carolin Genreiths Dokumentarfilm „Die mit dem Bauch tanzen“, in dem die Filmemacherin versucht, die eigene Quarterlife-Crisis durch Kontrastierung mit der Bauchtanzgruppe ihrer Mutter im Eifeldorf aufzuarbeiten. Die Entdeckung der wilden Jahre zwischen Faltencreme und Sekt am Nachmittag ist zwar durch den hinreißenden Charme ihrer Protagonistinnen durchaus kurzweilig, leidet aber unter der gekünstelten Naivität und Humorigkeit ihres subjektiven Kommentars aus dem Off.
Doch diese und die meisten anderen Filme des Programms verbindet, dass sie etwas herausfinden wollen – und dazu einen Bogen spannen und weiter ausholen: Entsprechend sind von den elf nominierten Titeln acht Langfilme, fünf davon Spielfilme. Sektionsleiterin Linda Söffker sucht nach neuen Stimmen, die manchmal mehr versprechen, als die fertigen Arbeiten einlösen. Diese „Perspektive“ entdeckt Muster, die den Filmen des Jahrgangs einen inneren Zusammenhang geben: Alle beschäftigen sich mit Brüchen, mit Aufbrüchen, Ausbrüchen, Zusammenbrüchen.
In Stephan Lacants Eröffnungsfilm „Freier Fall“ stellt das Coming-out eines jungen Polizisten sein geordnetes Leben aus der Bausparkassenbroschüre in Frage und erzählt die schmerzliche Hälfte einer Emanzipationsgeschichte. Zugleich geht es auch hier um Feldforschung bei einem fremden Stamm in der Mitte der Gesellschaft, wenn die Polizeieinheit mit ihren Männlichkeitsritualen und traditionellen Geschlechterbildern in täglicher Performance beobachtet wird. Quasi in umgekehrter Richtung ereignet sich der schleichende Bruch in Anne Zohra Berracheds „Zwei Mütter“. Der Film über ein lesbisches Paar mit klassisch heterosexuellem Einverdienermodell, deren Beziehungsgefüge durch den Kinderwunsch in Frage gestellt wird, wirft einen nüchternen wie amüsanten Blick auf den Markt der reproduktiven Dienstleistungen.
Reizvolle Kontraste ergeben sich dort, wo die Natur noch traditioneller aufgefasst wird, wie in Sebastian Fritzschs „Endzeit“. Eine junge Frau durchstreift als Jäger- und Sammlerin die Wälder, immer das Messer in der Faust. Dann begegnet sie einem Mann – und es passiert, was im Kino meistens passiert, und es passiert so, als habe die Kultur nie aufgehört. Die Horrorvision verschmilzt so mit dem Ideal eines auf das Wesentliche reduzierten Lebens.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Alexander du Prel

Das komplette Programm der Perspektive Deutsches Kino finden Sie in unserem tip-Berlinale-Extra ab Seite 54.

Download: tip-Berlinale-Extra

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