Berlinale 2013

Die Retrospektive auf der Berlinale 2013: The Weimar Touch

Glückskinder

Die Idee, den Einfluss des deutschen Kinos der 1920er-Jahre auf das Filmschaffen in anderen Ländern und anderen Epochen zu verfolgen, ist nicht unbedingt neu. Dass die Schatten-Spiele des Expressionismus und einige düstere Kriminalfilme etwa den amerikanischen Film Noir maßgeblich inspiriert hätten, ist beispielsweise ebenso sehr gedankliches Allgemeingut – wie es reichlich zweifelhaft ist. Zwar dockt auch die diesjährige Berlinale-Retrospektive „The Weimar Touch. The International Influence of Weimar Cinema after 1933“ an diesen Gedanken an, etwa, wenn man in dem Kapitel „Unheimlich – The Dark Side“ populäre Noir-Filme wie Jacques Tourneurs „Out of the Past“ und Orson Welles‘ „Touch of Evil“ spielt. Doch glücklicherweise ist das Konzept deutlich weiter gefasst: Vier weitere Kapitel („Rhythm and Laughter“, „Variations“, „Light and Shadow“, „Know Your Enemy“) verfolgen andere, recht weitgefächerte Einflüsse des Weimarer Kinos und konzentrieren sich dabei vor allem auf das Schaffen deutschsprachiger Emigranten.
Wenn etwa Hermann Kosterlitz die Tradition der deutschen Musikkomödie samt Depressionszeit-Hintergrund und Geschlechterverwirrung mit „Peter“ (1934) in Österreich/Ungarn weiterführt, der Regisseur Max Nosseck und seine Frau, die Schauspielerin Olly Gebauer, mit ihrem Know-how einer portugiesischen Produktion („Gado Bravo“, 1934) auf die Beine helfen und die Inszenierungsideen Max Reinhardts auf die Produktionsbedingungen Hollywoods treffen („A Midsummer Night’s Dream“, 1935), ergeben sich spannende filmhistorische Bögen, die es (wieder-) zu entdecken gilt. Interessant ist auch der Blick auf die Fortführung von Komödientraditionen im Kino der Nazizeit: Als Reinhold Schünzels „Viktor und Viktoria“ Ende 1933 die Kinos im faschistischen Deutschland erreichte, besaß die freche Komödie durchaus subversive Züge, nicht zuletzt aufgrund des Spiels mit einer permanenten Verwirrung der Geschlechter und der offenen Thematisierung von Arbeitslosigkeit. Und Paul Martins „Glückskinder“ (1936, siehe Bild), in dem sich das Traumpaar Lilian Harvey und Willy Fritsch noch einmal unbekümmert durch eine in New York spielende Handlung laviert, zeigt gar Einflüsse der amerikanischen Screwball Comedy – eine weitere vergnügliche Rückkopplung.
Ein kleiner Schwerpunkt der Retrospektive liegt auch auf den wenig bekannten Filmen, die deutsche Emigranten mit kärglichen Mitteln in den Niederlanden drehten: Neben Kurt Gerrons kleinem Krimi „Het mysterie van de Mondscheinsonate“ (1935) und Ludwig Bergers „Ergens in Nederland“ (1940), einem Beziehungsdrama, das die Mobilisierung kurz vor dem deutschen Überfall thematisiert, bietet Max Ophüls‘ „Komedie om geld“ (1936) dabei ein aktuell anmutendes Lehrstück um unser aller Zahlungsmittel. Oder besser gesagt: über die Idee davon, denn der gesellschaftliche Ab-und Aufstieg eines biederen Angestellten, der vorübergehend 50.000 ihm anvertraute Gulden verlegt, hängt allein mit den falschen Vorstellungen von Reichtum zusammen, denen sich die Menschen gern hingeben.

Text: Lars Penning

Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung / Quelle: Deutsche Kinemathek

The Weimar Touch. The international Influence of Weimar Cinema after 1933

Das komplette Programm der Restrospektive finden Sie in unserem tip-Berlinale-Extra ab Seite 56.

Download: tip-Berlinale-Extra

Erfolgsdruck
Neben den interessanten – weil oft wenig bekannten – Filmen, die im Rahmen einer Retrospektive neue Blickwinkel auf die Filmgeschichte ermöglichen, sieht sich besagte Sektion unter der Ägide von Festivalleiter Dieter Kosslick leider einem kommerziellen Druck ausgesetzt, der es offenbar notwendig macht, in das Programm immer wieder ebenso populäre wie leicht zugängliche Crowdpleaser zu programmieren. Auch wenn „Casablanca“ und „Some Like it Hot“ zum Retrothema passen mögen – spannendere, spezifischer anschlussfähige Filme hätten ihren Platz wohl ebenso gut einnehmen können. Das Schielen nach dem großen Publikum (und seinem Geld) ist der renommierten Institution Deutsche Kinemathek ebenso unwürdig wie die Tatsache, dass man sich in diesem Jahr aus Kostengründen nicht einmal eine Begleitpublikation leisten mag.

Text: Lars Penning

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