Berlinale 2013

„Don Jon\s Addiction“ im Panorama der Berlinale 2013

Don Jon's Addiction

Nicht jeder Schauspieler sieht seinem Gegenüber bei Interviews offen in die Augen. Mancher verliert sich in Anekdoten und starrt ins Leere, andere meiden schüchtern den direkten Blick. Ganz anders sieht das Schauspieler, Produzent, Drehbuchautor und – nun also auch – Regisseur Joseph Gordon-Levitt. Im Grunde fokussiert er Gesprächspartner nonstop und man spürt stetig diese ungewöhnlich gelassene Laser-Konzentration, die seine Figuren schon in den frühen Neo-Noir-Dramen „Brick“ und „The Lookout“ auszeichnete.
Geduldig hört Joseph Gordon-Levitt zu, ist um Klarheit seiner Worte bemüht. Vielleicht weiß er, wie kühn sich seine Pläne anhören könnten – als Player auf der Überholspur mit erst Anfang dreißig. Schon lange nämlich, bevor der smarte Instinktschauspieler endlich einem größeren Publikum auffiel, in „Inception“ oder zuletzt „Looper“, war er felsenfest überzeugt, es nicht bei darstellerischen Ambitionen belassen zu wollen.
„Ich bin ganz sicher“, erklärte er auch bei der letzten Begegnung mit dem tip im vergangenen Sommer wieder, „dass es möglich ist, völlig abseits des Systems zu arbeiten und die kreative Kontrolle über sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“ Gordon-Levitt war von Anfang an radikal in seinen Absichten und gründete 2012 die Website hitRECord, die Anlaufstelle sein soll für Schöpfer kurzer Filme und visuelle Talente. „Wenn es gut läuft“, hofft er, „finden Leute zu uns, die im Hollywood-System bisher durch den Raster gefallen sind und ihre Ideen nun einer interessierten Community präsentieren können. Oder privaten Finanziers, die in die Zukunft statt in den Mainstream der Studios investieren wollen.“
Viel Zeit, um mit seiner virtuellen Firma seine „kleine Utopie des komplett unabhängigen Filmemachens“ zu verfolgen, besitzt Gordon-Levitt indes nicht. Die Begehrlichkeiten bekannter Regisseure reißen nicht ab. Spielberg holte ihn für „Lincoln“, gerade erst verpflichtete Robert Rodriguez den smarten Kalifornier für „Sin City 2“, Marvel wollte ihn als Superhelden. Doch wenn die ersten Reaktionen vom Sundance Film Festival ein Maßstab sind, ist Gordon-Levitt schon wieder viel weiter als der Rest: Sein Regiedebüt „Don Jon’s Addiction“, das nun bei der Berlinale läuft und zu dem er auch das Script geschrieben hat, galt als eines der Highlights des Festivals.
„Natürlich ist es ein bisschen größenwahnsinnig“, schmunzelt er, „sich gleich einen Spielfilm zutrauen zu wollen, doch was als Schreibübung begann und mich durch schmerzlich viele Versionen des Drehbuches führte, war am Ende wohl so weit in Ordnung, um genug andere Leute zum Mitmachen zu gewinnen.“ Die Hauptrolle der pornosüchtigen Titelfigur, die mehr Zeit beim Masturbieren verbringt, als intimen Zugang zu den Frauen in seinem Leben zu finden, schrieb sich Gordon-Levitt auf den Leib.
Die Rolle passt so gut zu ihm wie der krebskranke Überlebenskämpfer aus „50/50“ oder der hoffnungslose Romantiker aus „(500) Days of Summer“ – Gordon-Levitts Stärke liegt darin, die Schutzschichten seiner Charaktere im Verlauf der Filme abzutragen und komplexe Männer aus der Isolation zu führen, die vom verschmitzten Nerd bis zum traumatisierten Moralisten reichen.
„Don Jon’s Addiction“ hat er als Komödie angelegt und mit Scarlett Johansson eine prominente Freundin besetzen können, doch das Thema der sexuellen Isolation in allseits sexuellen Zeiten ist ihm bitter ernst. „Auch meine Welt dreht sich manchmal so schnell“, schließt er, „dass ich kaum zum Innehalten komme. Doch indem ich mich auf meine Figuren konzentriere und in sie hineinzuhorchen versuche, bilde ich mir ein, die menschliche Natur ein bisschen besser und in Ruhe zu verstehen. In erster Linie für mich selbst – und in der Hoffnung, dass mir das Publikum in meiner Neugier folgen mag.“

Text: Roland Huschke

Foto: 2013 Ascot Elite Filmverleih GmbH

Don Jon’s Addiction (Panorama)
08.2., 21.00, Friedrichstadt-Palast
09.2., 12.30, CinemaxX 7
10.2., 14.30, Cubix 9
16.2., 18.00, Friedrichstadt-Palast

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