Berlinale 2013

Filmkritik: „La Rйligieuse“ im Wettbewerb der Berlinale 2013

La Religieuse

Denis Diderot gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der französischen Aufklärung, und sein heute noch populärer Roman „Die Nonne“ (La Rйligieuse) erregte – obwohl er erst nach seinem Tod in den postrevolutionären 1790er-Jahren veröffentlicht wurde – einiges Aufsehen. Vor allem natürlich beim geistlichen Stand, der sich von der Geschichte einer jungen Frau, die wider Willen von den Eltern ins Kloster verbracht wird und dort auf unhaltbare Zustände trifft, direkt herausgefordert sah. Diderots Kritik an bigotten Terrorregimen und sexueller Libertinage im Kloster mag in unserer säkularen Welt nicht mehr sonderlich relevant erscheinen, doch der Kern des Werks liegt tiefer: Handelt es doch von Fragen der Selbstbestimmung und individueller Freiheit, Gedanken also, die das Selbstverständnis demokratischer Staaten seit der Aufklärung in starken Maße prägen.
Der französische Regisseur Guillaume Nicloux setzt in seiner Neuverfilmung des Stoffes an diesem Punkt an und inszeniert die Geschichte von Suzanne Simonin (Pauline Etienne) jenseits aller religiösen Diskussionen als die einer jungen Frau, die sich nicht nur einem gesellschaftlichen, sondern vor allem einem unentwegten psychischen Druck ausgesetzt sieht. Eltern, Priester, Oberinnen, Mitschwestern, sie alle reden auf die 16-jährige ein, suchen – ganz gleich, ob sie Suzanne wohlgesonnen sind oder nicht – immer wieder irgendeinen Hebel, um sie zu etwas zu bewegen, was sie eigentlich nicht will. Manchmal kann sich Suzanne zur Wehr setzen, oft fällt sie in ihrer Unerfahrenheit und Naivität auf die Schliche anderer aber auch herein. Sie erfährt Mobbing und sexuelle Übergriffe – doch zum Opfer lässt sie sich bei allen ihr widerfahrenen Ungerechtigkeiten in ihrer stillen Beharrlichkeit nicht machen. Nicloux setzt das nicht unbedingt streng, aber ausgesprochen ruhig und schnörkellos in Szene: In „La Rйligieuse“ fällt kein lautes Wort, von überhitztem Melodrama keine Spur. Die klare Intensität des Films macht Suzannes Kampf um ihre persönliche Freiheit nur ergreifender, das Thema ist und bleibt modern.

Text: Lars Penning

Foto: Quelle: Internationale Filmfestspiele Berlin

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Wettbewerb Berlinale 2013
Die Nonne (La Rйligieuse), Frankreich / Belgien / Deutschland 2012; Regie: Guillaume Nicloux; Darsteller: Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Louise Bourgoin, Martina Gedeck; 114 Minuten

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