Berlinale 2013

Filmkritik: „Nobody\s Daughter Haewon“ im Wettbewerb der Berlinale 2013

Nobody's Daughter Haewon

Die Gelegenheit, das mittlerweile recht umfangreiche  Werk des 52-jährigen koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo zu erkunden, ergab sich für die Berliner gerade erst bei einer Retrospektive im vergangenen November: Filme, die vor allem um das Verhältnis der Geschlechter zueinander kreisen, mit extrem egozentrischen, aber schwachen und selbstmitleidigen Männern sowie Frauen, die sich – ähnlich wie die Figuren in den Filmen von Eric Rohmer – nie so recht für oder gegen irgendetwas entscheiden können. Hong macht aus diesen Geschichten kein großes Drama, er wählt lieber eine Form der hintersinnigen Komödie: Eine leise, aber unvermittelt absurd erscheinende Situationskomik durchzieht seine Filme – nicht zuletzt, weil seine Protagonisten nur allzu gern dem Alkohol zusprechen und damit die einzige Möglichkeit wahrnehmen, sich in asiatischen Ländern ordentlich daneben zu benehmen, ohne endgültig das Gesicht zu verlieren.
All diese Aspekte finden sich auch in Hongs Wettbewerbsbeitrag „Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon“ (Nobody’s Daughter Haewon) wieder, allein die Perspektive hat sich geändert. Im Mittelpunkt stehen nun nicht mehr die Männer, sondern mit der Schauspielstudentin Haewon eine Frau. Sie trifft ein letztes Mal ihre Mutter, die am nächsten Tag nach Kanada emigriert, und verabredet sich mit ihrem Liebhaber, dem verheirateten Uniprofessor und Filmregisseur Seongjun, einer für Hongs Filme so typischen Männerfigur: ein bequemer Schwächling mit Machoallüren, der weder seine Familie noch seine Geliebte aufgeben mag. Bei Spaziergängen durch Stadt und Parks werden Beziehungsfragen diskutiert und reflektiert: Haewon träte selbst gern als starke Frau auf, sähe sich auch gern von anderen als eine solche gewürdigt – ist aber auf charmante Weise letztlich irgendwie unbestimmt und unentschlossen. Die unspektakuläre Geschichte scheint sich dabei chronologisch anhand von Tagebucheintragungen zu entfalten, doch unvermittelte, nicht immer gleich als solche zu erkennende Träume geben der scheinbar so simplen filmischen Struktur eine faszinierende Doppelbödigkeit. Hongs Filme packen nicht direkt von vorn, sie krallen sich mit ihrem Hintersinn eher auf Umwegen fest.

Text: Lars Penning

Foto: Jeonwonsa Film Co.

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Wettbewerb Berlinale 2013
Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon (Nobody’s Daughter Haewon), Republik Korea 2013; Regie: Hong Sang-Soo; Darsteller: Jung Eunchae, Lee Sunkyun; Farbe, 90 Minuten

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