Berlinale 2013

Filmkritik: „Uroki Garmonii“ im Wettbewerb der Berlinale 2013

Uroki Garmonii

In seiner Schule in der kasachischen Provinz ist der Waisenjunge Aslan ein Außenseiter. Er vertreibt sich die Zeit mit grausamen naturwissenschaftlichen „Experimenten“ (einmal baut er für eine Kakerlake eigens einen elektrischen Stuhl). Die Tatsache, dass ihn nach einer besonders kruden Demütigung alle meiden, nimmt er scheinbar teilnahmslos hin. Erst als ein neuer Mitschüler aus der Stadt in die Klasse kommt und sich zu ihm in die Bank setzt, verändert sich die Lage.
Emir Baigazin schließt mit seinem ersten Spielfilm „Uroki Garmonii“ (Harmony Lessons) deutlich an eine ganz bestimmte Tradition des kasachischen Kinos an, nämlich an eine über seinen Landsmann Darejan Omirbajew vermittelte Bewunderung für den 1999 verstorbenen französischen Regisseur Robert Bresson. Doch geht Baigazin nicht in bloßer Bewunderung für die strenge Ästhetik des Vorbilds auf. Er nützt seine immer wieder auch verhalten witzige Geschichte dazu, ein verschlüsseltes Soziogramm seines Landes zu zeichnen: da ist das schöne, fromme Mädchen, das auf dem Schleier besteht, obwohl die Schulordnung eigentlich Uniform verlangt; da ist der junge Mann, der von den Schülern Geld und Geschenke für „Brüder“ (gemeint sind offensichtlich Islamisten) sammelt, die im Gefängnis sitzen. Der Unterricht ist manchmal nur Nebensache, die eigentlich wichtigen Geschehnisse ereignen sich im Keller oder in abgelegenen Winkeln des Schulgeländes, wo ein System von Erpressung und Drangsalierung erkennbar wird, aus dem Aslan schließlich einen eigenwilligen Ausweg findet. Gegen Ende wird „Uroki Garmonii“ vielleicht ein wenig zu kompliziert, insgesamt aber ist dies ein starker Film mit prononcierter Handschrift.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Harmony Lessons Film Production

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Wettbewerb Berlinale 2013
Uroki Garmonii (Harmony Lessons)
, Kasachstan / Deutschland / Frankreich 2013; Regie: Emir Baigazin; Darsteller: Timur Aidarbekov, Aslan Anadassov, Anelya Adilbekova; Farbe, 115 Minuten

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