Berlinale 2013

„Before Midnight“ im Wettbewerb der Berlinale 2013

Before Midnight

tip Mr. Hawke, haben Sie damit gerechnet, dass „Be­fore Midnight“ auf der Berlinale laufen würde?
Ethan Hawke Ich hätte darauf Wetten abgeschlossen. Wir hatten ja schon mit den beiden anderen Filmen hier Premiere gefeiert. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen.

tip Sie hatten keine Bedenken, zum dritten Mal diese kreative Dreiecksbeziehung mit Julie Delpy und Richard Linklater einzugehen?
Ethan Hawke Absolut nicht. Ich hatte selten eine so gute Zeit wie in der Zusammenarbeit mit Rick und Julie. Ich genieße dieses merkwürdige Parallelleben, das wir in diesen Filmen führen. Von so etwas habe ich immer geträumt. Ich wäre bereit, dabei zu sterben. Und kein Film hat mir in der letzten Zeit mehr Freude bereitet als „Before Midnight“.

tip Dabei sagt Julie Delpy von sich, dass sie mit ihrer aggressiven Art gerne die Männer einschüchtern würde.
Ethan Hawke Das würde sie vielleicht gerne (lacht). Sie ist eine starke und beeindruckend begabte Frau – und noch dazu unterhaltsam. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und weigert sich Make-up zu tragen und Ausschnitt zu zeigen, um einen Job zu bekommen. Das können natürlich viele Männer in der Filmbranche nicht ertragen. Aber Rick hat kein Problem damit, wenn er von jemand anders herausgefordert wird. Er versucht sie nicht kleinzumachen, ermuntert sie, sich selbst zu entfalten. Und nur dank ihrer Leistung haben diese Filme ihre magische Wirkung. Sie ist die Trumpfkarte dieser Trilogie.

Before Midnighttip Wie arbeiten Sie drei eigentlich zusammen – grob beschrieben?
Ethan Hawke Julie und ich entspinnen Ideen zu unseren Charaktern und zum Thema Beziehungen. Und diese Bälle spielen wir dann Rick zu, der das Material filtert und etwas Sinnvolles daraus macht. Auf diese Weise vermeiden wir die Probleme anderer Liebesfilme, die entweder aus der Perspektive eines Mannes oder einer Frau geschrieben sind. Wir erzählen sozusagen aus einem allwissenden Blickwinkel. Und das ist absolut einzigartig.

tip Sonst bekommen wir Sie aber nur ganz sporadisch im Kino zu sehen. Das letzte Mal im Low-Budget-Horrorfilm „Sinister“. Finden Sie denn noch die Rollen, die Ihnen kreative Befriedigung bieten?
Ethan Hawke Offen gestanden habe ich eher im Theater meinen Platz als Künstler gefunden. Hier sind die Rollen so viel aufregender als im Kino. Wie viele gute Filme entstehen denn pro Jahr? Zehn? Und in drei davon gibt es Rollen für Schauspieler wie mich. Und auf die kommen 50 großartige Kollegen. Als junger Schauspieler begreifst du das noch nicht, weil die meisten Filme für ein junges Publikum produziert werden. Erst wenn du mit zunehmendem Alter selektiver wirst und bessere Rollen verlangst, begreifst du, wie sehr es an gutem Material fehlt. Es gab Zeiten, da konnte ich mir alles aussuchen, aber jetzt erst weiß ich, wie kurzlebig das war.

tip Sie könnten ja Ihren Marktwert wieder steigern, indem Sie gelegentlich große Kommerzproduktionen drehen.
Ethan Hawke Das beherrsche ich nicht. Jedes Mal wenn ich es versuche, geht es schief, weil ich sie nicht verstehe. Ich habe „Training Day“ mit Denzel Washington gemacht, der exakt weiß, wie er einen guten Hollywoodfilm dreht. Er versteht, was das Publikum denkt und will und wie er diesen Erwartungen gerecht wird, ohne plump zu sein. Aber diese Ambition habe ich nicht mehr. Wobei ich nichts gegen einen Horrorfilm wie „Sinister“ einzuwenden hatte. Du kannst in so einem Rahmen durchaus ernsthafte Geschichten erzählen und offen gestanden erlaubt dir dieses Genre eine größere kreative Integrität als die meisten Filme. Und ich genieße es, so etwas zu spielen und gleich darauf in einer Tschechow-Inszenierung auf der Bühne zu stehen.

tip Aber haben Sie nie mal psychische Tiefs? Wie gehen Sie damit um?
Ethan Hawke Ich hatte depressive Phasen, aber das nahm nie klinische Züge an. Letztlich habe ich mich dadurch weiterentwickelt. Wenn es mir schlecht ging, dann habe ich mich mit Kunst beschäftigt. Meine Mutter sagte: „Die besten Mittel gegen Depression sind Sport und Lesen.“ Und dank der Kunst habe ich jede Düsternis bald überwunden. Sieh dir drei Filme pro Tag an – das ist besser als Prozac.

Before Midnighttip Welches kreative Werk hat Sie denn in letzter Zeit besonders beeindruckt?
Ethan Hawke Das war Geoff Dyers „But Beautiful“, ein collagenartiger, dokumentarischer Roman über große Jazzmusiker. Ein ungemein kraftvolles, aber auch merkwürdiges Buch – ich habe noch nie so etwas gelesen.

tip Sie haben selbst mit „Club der toten Dichter“ einen klassischen Film mit moralisch aufbauender Wirkung gedreht. Was sind Ihre Erinnerungen daran?
Ethan Hawke Er hat mein Leben verändert wie kein anderes Ereignis. Ich hatte nur aus einer Laune heraus vorgesprochen und ich war auch nicht besonders gut, aber irgendwie habe ich das Interesse von Regisseur Peter Weir geweckt. Die Themen des Films haben mich künstlerisch und philosophisch sehr geprägt, obwohl sie für einen 18-Jährigen ziemlich überwältigend waren. Und Peter Weir wurde wie ein Mentor für mich, hat mir Rat gegeben, wie ich mich künstlerisch weiterentwickeln kann – als Schauspieler, Autor, Regisseur. In gewissem Sinne hat er mir eine kugelsichere Weste verpasst, mit der ich in Hollywood kreativ überlebt und nie die Freude an meinem Beruf verloren habe.

tip Sie sprachen vorhin von der Zeit, in der Sie in Hollywood noch viele kreative Optionen hatten. Trauern Sie der noch hinterher?
Ethan Hawke Nein, denn ich fühle mich glücklicher als in jüngeren Jahren. Und jetzt interessiert mich, wie ich mit 50 sein werde und mit 75. Natürlich frage ich mich manchmal, ob meine Erwartungen erfüllt wurden, ohne dass ich darauf eine genaue Antwort hätte. Ich weiß, dass ich ein paar gute Filme gemacht habe. Und so etwas ist extrem schwierig. Als Kind sah ich Warren Beattys „Reds“ und es war ein Ziel meines Lebens, Teil von so einem Kunstwerk zu sein. Ich hatte keine Ahnung, wie unwahrscheinlich so etwas ist.

tip Das klingt eigentlich eher frustrierend. Wie bewahren Sie die Energie mit 42, trotzdem weiterzumachen und nicht in eine Midlife-Crisis abzustürzen?
Ethan Hawke Das ist alles eine Frage der Perspektive. Zum einen sollst du dich nicht für bedeutender halten, als du bist – das ist eher eine Haltung der Jugend. Und du musst dir bewusst machen, was für ein Nervenkitzel es ist, überhaupt am Leben zu sein. Ich bekomme auch einen Kick davon, dass ich alle möglichen Kunstformen gleichzeitig bediene, von reiner Unterhaltung bis zum klassischen Theater. Denn ich habe mir meine Neugier bewahrt. Und das ist das allerbeste Mittel gegen jede Midlife-Crisis.

Interview: Rüdiger Sturm

Before Midnight (Wettbewerb/außer Konkurrenz)
11.2., 18.45, Berlinale Palast
12.2., 12.30, Friedrichstadtpalast
12.2., 23.00, Haus der Berliner Festspiele
16.2., 23.00, Friedrichstadtpalast

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