Berlinale 2014

Andreas Prochaska im Interview

Andreas Prochaska

tip Herr Prochaska, der Autor der Romanvorlage von „Das finstere Tal“, Thomas Willmann, hat sowohl Ludwig Ganghofer als auch Sergio Leone einmal als Einflüsse für seinen Alpen-Western angeführt. Zwischen welchen Polen würden Sie nun Ihren Film verorten?
Andreas Prochaska Ich wollte definitiv keinen Zitate-Western machen. Dafür gibt es einen berühmten Kollegen, der das viel besser kann. Italo-Western machen das Gegenteil von „Das finstere Tal“: Ich versuche nicht Cortina d’Ampezzo als die Rocky Mountains zu verkaufen. Das Tal des Films liegt in den Tiroler Alpen. Wichtig war daher die Sprache: Die Figuren sprechen kein authentisches Tirolerisch, aber es ist eindeutig eine dem alpinen Raum zuzuordnende Sprache, und Sam Riley, der den Fremden spielt, spricht erkennbar mit Akzent.

Das finstere Taltip Neben allen dramatischen Entwicklungen nimmt sich der Film Zeit für die Beschreibung des Dorfes. Was hat Sie an diesem Milieu fasziniert?
Andreas Prochaska Ich habe mir vorgestellt, wie es wirken muss, wenn im 19. Jahrhundert ein Fremder in ein Alpendorf kommt. Es ist wie ein Western, nur ohne Indianer. Allerdings ist es nicht so, dass mein Ausstatter und ich uns gedacht haben, dass wir ein authentisches Bild einer Dorfgemeinschaft zeichnen wollen. Wir nahmen das, was uns ästhetisch angesprochen hat, und haben daraus eine eigene Welt gebaut. Der Oberflächenreiz liegt darin, dass nicht alle wie verhungerte und zerlumpte Gesellen daherkommen. Es ist eine eigene Ästhetik, die auf der damaligen Realität basiert. Ein Dogma war, keine Sepplhüte zu verwenden, auch als Abgrenzung zum Heimatfilm.

tip Was ist das für ein Ort, wo wurde gedreht?
Andreas Prochaska Das Glück war, dass es im Schnalstal in Tirol innerhalb von drei Autominuten drei Höfe gibt, wo noch die Grundsubstanz vorhanden war. Das Holz ist zweihundert Jahre alt, das lebt einfach. Sobald man die Stromleitungen abgedeckt hatte, konnte man dort drehen. Alles andere hätte außerhalb unserer Möglichkeiten gelegen. Wir haben überlegt, wie man aus diesem Hof ein Dorf machen kann. Mit 6,5 Millionen Euro haben wir zwar für deutschsprachige Verhältnisse ein relativ großes Budget gehabt – aber wir konnten kein eigenes Dorf aufbauen.

tip Erzählerisch schließt der Film mit dem Topos des Fremden an einem rückschrittlichen Ort an einen populären Westernmythos an. Hat die Handlung für Sie auch eine politische Ebene?
Andreas Prochaska An der Oberfläche ist es eine klassische Rachegeschichte, dahinter gibt es aber auch viele andere Schichten zu entdecken. Ich liebe Genrefilme, weil man damit subkutan andere Inhalte übermitteln kann. In diesem Fall hat das viel mit Macht und Autoritätsgläubigkeit zu tun. Ein Schlüsselmoment für mich war, dass die Befreiung, die der Fremde ermöglicht, auch eine Nötigung ist – sie ist nicht unbedingt das, was die Leute wollen. Das finstere Tal ist für mich ein Western mit Mehrwert.

Das finstere Taltip Im Buch ist der Fremde Maler, im Film ein Fotograf.  Ein Spiel mit der Geschichte des Mediums?
Andreas Prochaska Martin Ambrosch, mein Ko-Autor, und ich fanden Malerei filmisch nicht so attraktiv. In der Literatur kann man sich die Bilder vorstellen, im Film hätte man einen bestimmten Stil vorgegeben. Martin, leider nicht ich, hatte dann die Idee mit dem Fotografen: Man hat damit so etwas wie Glasperlen auf einer einsamen Insel, etwas, das die Neugierde der Eingeborenen weckt. Das andere Motiv hat mit dem sterbenden König dieses Tals, dem Brenner-Bauern, zu tun, der vielleicht sein Lebenswerk dokumentiert sehen will. Wir haben sogar eine Daguerreotypie anfertigen lassen, was gar nicht leicht zu bewerkstelligen war.

tip Wie kamen Sie auf den Briten Sam Riley als Hauptdarsteller? Er ist ja eher ein weicher, untypischer Westernheld.
Andreas Prochaska Die Hauptfigur musste, was die Reihenfolge der Ereignisse anbelangt, jung sein, jünger als der klassische Westernheld, der wohl Mitte dreißig ist. Dann durfte er keine Bedrohung für die Bewohner darstellen, sonst würden sie ihn ja nicht tolerieren. Er musste unverdächtig wirken. Außerdem schleppt er viel Vergangenheit mit. Eines der Vorbilder für mich war Alain Delon in „Der eiskalte Engel“ – also habe ich angefangen, auf Agenturseiten herumzuschauen, da habe ich ein Foto gesehen, auf dem Sam Riley wie Delon ausgesehen hat. Er war meine erste und einzige Wahl – diese Tiefe, die Sam durch sein melancholisches Äußeres mitbringt, fand ich spannend.

tip Horror, Komödie, jetzt Western: Haben Sie den Ehrgeiz, mit jedem Genre für sich auch filmische Standards neu zu erobern?
Andreas Prochaska Ich suche natürlich nach neuen Herausforderungen. Nicht aus sportlichen Gründen, sondern weil ich Dinge ausprobieren will, die ich selber sehe, die mir im Kino Spaß machen. Ich möchte wissen, wie das geht, ob ich das auch kann. Die Analyse der Vorgänge ist total interessant. „Das finstere Tal“ ist sicher mein erwachsenster Film bisher. Die Referenzen, die ich mir für den Showdown ausgedacht habe, gingen von „Saving Privat Ryan“ bis zu „The Thin Red Line“. Aber ich habe versucht, das in eine eigene Form zu bringen, damit man nicht das Gefühl bekommt, ich hätte mir einfach Szenen abgeschaut.

tip ??Sie haben früher unter anderem auch als Cutter von Michael Haneke gearbeitet. Hat Sie das geprägt?
Andreas Prochaska ?Es hat mich als Filmmensch mitgeprägt. Zwischen meinen Filmen und seinen gibt es ja keine Schnittmengen. In seiner Pingeligkeit ist er mir damals auch auf den Geist gegangen, doch in Wahrheit habe ich seine Genauigkeit aufgesogen. Wenn es ein guter Take war, aber es dennoch noch Verbesserungsbedarf gibt, dann muss man alle Mühen auf sich nehmen: Diese Hartnäckigkeit ist etwas, die ich davor bei keinem österreichischen Filmemacher gesehen habe.

Interview: Dominik Kamalzadeh

Foto Andreas Prochaska: Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT

Filmstills: X-Verleih

Termine: Mo 10.02. 21:30, Zoo Palast 1 (E); Sa 15.02. 21:30, Friedrichstadt-Palast (E)

Die Vorlage?
Ein eigentümlich unzeitgemäßer Bestseller ist dem gebürtigen Münchner Thomas Willmann mit „Das finstere Tal“ gelungen. Ein Mann namens Greider kommt in eine abgeschiedene Hochgebirgslandschaft, in der ein alter Bauer alle Autorität hat. Dieses Drama verschränkt Willmann – in einem Kapitel in der Mitte auch erzählerisch virtuos zugespitzt – mit einer Auswanderergeschichte, aus der erst klar wird, dass „Das finstere Tal“ im ?19. Jahrhundert spielt.

Thomas Willmann, Das finstere Tal (Liebeskind Verlag, als ?Taschenbuch bei Ullstein)

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