Berlinale 2014

Berlinale 2014: Die Sektion Generation 14plus

G_14Plus_Il_Sud_e_Niente_20147397_2_c_B24_Madakai.„Dies wird das Jahr der toten Großmütter“, scherzt eine aus der Mädchenclique in dem türkischen Film „Mavi Dalga“ („The Blue Wave“) anlässlich eines Begräbnisses. Der dahingeworfene Satz könnte Programm sein für die diesjährigen Generation-14plus-Filme. In denen tauchen zum einen regelmäßig Großmütter auf, die oft engere Bezugspersonen der jungen Protagonisten sind als die eigenen Eltern. Zum anderen nimmt das Thema Tod zentralen Raum ein. Allerdings dominiert dabei oft eine Erzählweise, die den Moment des Todes selber ins Off verbannt und ihm so seinen Schrecken nimmt. Die Alten sterben, die Jungen werden erwachsen.

Im mexikanischen „Somos Mari Pepa“ („We Are Mari Pepa“) ist es geradezu ein Running Gag, dass der Protagonist und seine Großmutter einen stummen Kampf um die Dominanz über die Musik ausfechten. Die Großmutter im italienischen „Il sud и niente“ („South is Nothing“) dagegen spricht mit ihrer Enkelin Grazia (Foto), ist viel mehr deren Vertraute als der Vater, der den Tod seines Sohnes nicht verwinden kann und der Tochter die Aussprache verweigert. Grazia beklagt sich, sie habe nicht einmal Abschied nehmen können. Aber vielleicht ist er auch gar nicht tot? Grazia sieht ihn wiederholt vor sich – in Bildern, die nicht eindeutig als Imagination zu erkennen sind. Grazia, die man mit ihren kurzen Haaren und der knabenhaften Gestalt durchaus für einen Jungen halten könnte (wozu auch der ewig gleiche verkniffene Gesichtsausdruck beiträgt), macht es dem Zuschauer nicht leicht, sich mit ihr zu identifizieren. Andere stößt sie zurück, ihre aufgestaute Wut entlädt sich regelmäßig in destruktiven Akten.

Vermittelten die Generation-Filme der vergangenen Jahre ein Bild vom Aufwachsen in fremden Kulturen, so gewinnt man in diesem Jahr bei 14plus eher den Eindruck vom „Universal Teenager“. Die Gemeinsamkeiten sind größer, als es die unterschiedlichen Schauplätze erwarten lassen: großspuriges Verhalten bei den Jungs, das Interesse am richtigen Make-up bei den Mädchen, vielsagende Blicke, die gewechselt werden, auch Blicke eifersüchtigen Beobachtens, die Kunst, stilvoll eine Zigarette zu rauchen oder nach übermäßig genossenen Alkohol halbwegs die Würde zu bewahren. Vielleicht hängt das auch mit der Internationalisierung der Filme selber zusammen.

Der holländisch-belgische „Supernova“ entstand als deutsche Koproduktion mit Hilfe der Filmförderung Schleswig-Holstein, ebenso der türkische „Mavi Dolga“, der zudem noch Griechenland und die Niederlande als Mitproduzenten führt und dem, wie man dem Nachspann entnehmen kann, auch Beratung durch einen deutschen Dramaturgen zuteil wurde. So kann einem ein anderer türkischer Film, „Were Denge Min“ („Come to My Voice“), der in der Kplus-Reihe für jüngere Zuschauer läuft, durchaus erwachsener vorkommen: Hier sieht man durch die Augen eines kleinen Mädchens (und seiner Großmutter) die Türkei als ein Land, in dem das Militär omnipräsent ist und die Bevölkerung schikaniert.

Der eindringlichste 14plus-Film ist der belgisch-holländische „Violet“, dessen Protagonist die Ermordung seines Freundes verarbeiten muss. Die sieht man zu Beginn auf dem Monitorbild einer Überwachungskamera, und auch der Rest des Films fordert den Zuschauer mit seiner distanziert-experimentellen Erzählweise heraus. Vielversprechend klingen auch die neuen Werke von Taika Waititi & Jemaine Clement („Eagle vs Shark“), die sich mit „What We Do in the Shadows“ dem Treiben einer Vampir-WG zuwenden, sowie „Above Us All“, gedreht in 3-D und 360-Grad-Kamerafahrten. Beide waren vor Redaktionsschluss nicht zu sehen.

Text: Frank Arnold

Foto: B 24 / Madakai

TERMINE

„Mavi Dalga“ Sa 08.02. 17:00, Haus der Kulturen der Welt Kino 1 (E); So 09.02. 14:00 CinemaxX 3 (E); So 16.02. 14:30 CinemaxX 1 (E); „Somos Mari Pepa“ Di 11.02. 15:30, Zoo Palast 1 (E); Mi 12.02. 16:30, CinemaxX 3 (E); Do 13.02. 15:30, Cubix 8 (E); So 16.02. 20:00, Haus der Kulturen der Welt Kino 1 (E); „Il sud и niente“ Di 11.02. 13:00, Haus der Kulturen der Welt Kino 1 (E); Do 13.02. 14:00, CinemaxX 3 (E); Fr 14.02. 13:00 ?Haus der Kulturen der Welt Kino 1 (E); Do 13.02. 11:00, HAU Hebbel am Ufer (HAU1) (E); „Supernova“ So 09.02. 17:00, Haus der Kulturen der Welt Kino 1 (E); Mo 10.02. 15:30, Cubix 8 (E); So 16.02. 15:30, Zoo Palast 1 (E); „Were Denge Min“ So 09.02. 12:30, Zoo Palast 1 (E); Di 11.02. 11:30, CinemaxX 3 (E); Fr 14.02. 17:30, CinemaxX 1 (E); So 16.02. 15:30, Filmtheater am Friedrichshain (E), „Violet“ Mi 12.02. 17:00, Haus der Kulturen der Welt Kino 1 (E); Do 13.02. 15:30, Zoo Palast 1 (E); So 16.02. 14:00, CinemaxX 3 (E); „What We Do in the Shadows“ Mi 12.02. 20:00, Haus der Kulturen der Welt Kino 1; Do 13.02. 16:30, CinemaxX 3; So 16.02. 17:30, CinemaxX 1; „Above Us All“ Mi 12.02. 11:30, CinemaxX 3 (E); So 16.02. 16:30; CinemaxX 3 (E)

Mehr über Cookies erfahren