Berlinale 2014

Das Panorama bei der Berlinale 2014

Calvary

Das erste Mal Sperma geschmeckt habe er mit sieben, sagt eine männliche Stimme im Verborgenen des Beichtstuhls in der Anfangsszene von „Calvary“. Und Beichtpfarrer James Lavelle hört still zu. Ein Priester sei es damals gewesen. Doch der sei längst tot. Einen Vergeltungsplan aber hat der Unbekannte doch: Ihn, den guten Priester aus der beschaulichen irischen Gemeinde, wolle er töten. Schließlich schlage der Mord an einem guten Priester öffentlich höhere Wellen als der Mord an einem schlechten.
Die zynische Folgerung aus einem unverarbeiteten Trauma dient John Michael McDonagh als Aufhänger für einen Krimi, in dem sich ein rechtschaffener Mann auf die Suche nach seinem potenziellen Henker macht. Doch von den Sonntagskirchgängern ist einer sinistrer als der andere und je mehr der weise Gottesmann von ihnen hört, desto schärfer weht der Wind gegen ihn. McDonagh hat „Calvary“ (zu Deutsch: „Golgatha“) wie seinen zum Hit avancierten Vorgängerfilm „The Guard“ mit dem großartigen Brendan Gleeson in der Hauptrolle besetzt. Dessen melancholischer, kluger Pfarrer erinnert von fern an den rustikalen Polizisten aus „The Guard“ – als geradliniger Bewahrer einer marode gewordenen Ordnung. Der Humor der herben Dialoge ist gewohnt rabenschwarz, doch wird der Tonfall mit dem Fortgang der Geschichte immer ernster, bis „Calvary“ in einem eindringlichen Schlusskapitel ausklingt. Inspiriert zu seinem parabelhaften Opfergang habe ihn der reinherzige Protagonist aus Robert Bressons „Tagebuch eines Landpfarrers“; sein Film sei eine Variation des beklemmenden Klassikers, „with a few gags thrown in“, sagt McDonagh lapidar.
TestIm Panorama zählt „Calvary“ zu einer Gruppe starker Schauspielerfilme. Ein wunderbar natürliches, unverbrauchtes Ensemble macht auch den US-Indiefilm „Test“ zum Überraschungsjuwel der Sektion, deren Stärke sonst oft vor allem im Doku-Segment lag. Chris Mason Johnson erzählt von der fragilen Zeit, als Aids erstmals ins Bewusstsein der Öffentlichkeit trat und die schwule Community in Hilflosigkeit und Angst versetzte. Davon wird auch Johnsons Protagonist Frankie erfasst, ein junger Tänzer, der in einer angesagten schwulen Tanzcompagnie anheuert. Am Rande der Körperarbeit scheint jeder für sich allein auszumachen, ob und wie man auf die Bedrohung reagiert – was es etwa mit dem neuartigen Bluttest auf sich hat, dem sich mehr und mehr junge Leute unterziehen. Gegen die Erwartung erzählt „Test“ keine Geschichte von Krankheit und Sterben; die Geschichte bleibt stattdessen dicht bei der Erlebniswelt seines feinnervigen Protagonisten, der unter dem Eindruck der Bedrohung erstmals zum Selbstausdruck im Tanz findet. Einnehmend gespielt vom Tänzer und Schauspiel-Newcomer Scott Marlowe, nehmen Choreografie und Musik entsprechend großen Raum ein in Johnsons von beiläufigem Humor geprägtem Film. Ein überraschend leichter und zärtlicher Beitrag zu einem der dunkelsten Kapitel schwuler Kulturgeschichte.
Kämpferischer Humor zieht sich als Grundton durch viele Beiträge zu unterschiedlichsten Themen des Programms: In „In Grazia di Dio“ erzählt der italienische Filmemacher Edoardo Winspeare vom wirtschaftlichen Bankrott eines Familienunternehmens in Süditalien. Der Schock führt zu einer radikalen Konsequenz und die von kapriziösen Frauenfiguren geprägte Sippe wagt kurzerhand den Neustart als selbstversorgende Landkommune: eine Unternehmung, die Aufsehen erregt und Bewegung in das triste Städtchen bringt.

Fotos: Internationale Filmfestspiele Berlin

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