Berlinale 2014

Der Ehren-Bär für Ken Loach

Ken Loach

1966 schrieb er (Fernseh-)Geschichte. Als am 16. November die BBC das Drama „Cathy Come Home“ ausstrahlte, saßen zwölf Millionen Briten vor dem Fernseher, ein Viertel der gesamten Bevölkerung. „Cathy Come Home“ erzählte von einem jungen Ehepaar aus der Arbeiterklasse und seinem schnellen Weg ins gesellschaftliche Abseits. Infolge eines Arbeitsunfalls verliert der Mann zuerst seine Arbeit, dann wird der Familie die Wohnung gekündigt, Frau und Kinder kommen in einem Heim unter, am Ende werden die Kinder in staatliche Obhut genommen.
Die Wirkung dieses Films war enorm, bis hin zu einer Unterhausdebatte, die zur Gründung der staatlichen Wohlfahrtsorganisation Shelter führte. Ken Loach setzte damit Maßstäbe für sein weiteres Schaffen: wichtig sind ihm stets die Geschichten, die er erzählt, Geschichten von arbeitenden Menschen, also jenen, denen im Kino nicht oft eine Stimme gegeben wird. Was nicht heißt, dass Loach ein filmender Sozialarbeiter ohne Formbewusstsein ist. „Cathy Come Home“ könnte man als Dokudrama bezeichnen, wäre der Begriff durch jene meist unsäglichen deutschen Fernsehfilme nicht so belastet. Loach hingegen brach die Spielhandlung mit eingeschobenen Statistiken zur Wohnungsmisere.
The NavigatorsLoachs Realismus ist in seinen besten Momenten von der Kunst der unangestrengten Beobachtung geprägt. Andererseits versteht er es auch, gesellschaftliche Konflikte anhand von Familiengeschichten zuzuspitzen. Die großen Entwürfe, etwa sein mehrteiliges Epos „Days of Hope“ (die Geschichte Großbritanniens zwischen 1922 und 1926 anhand der sich überkreuzenden Geschichten dreier Familien), haben dabei oft etwas Modellhaftes, während seine späteren Kinoarbeiten viel sinnlicher erzählen. Dafür hat Loach eine eigene Arbeitsweise mit seinen Darstellern (oft Laien) entwickelt, denen er nie das komplette Drehbuch gibt, und damit eine Wahrhaftigkeit in der Darstellung erzielt.
Sieben der zehn Filme der diesjährigen Berlinale-Hommage stammen aus den letzten zwanzig Jahren. Sie faszinieren nicht zuletzt durch die gezeigten Momente kollektiver Erfahrung: die der freiwilligen Spanienkämpfer in „Land and Freedom“, der Gleisarbeiter in „The Navigators“ oder der Postmitarbeiter in „Looking for Eric“.
Die Entdeckung allerdings ist „The Gamekeeper“, dessen Protagonist, ein arbeitsloser Fabrikarbeiter, sich als Wildhüter verdingt und als solcher den Besitz des Adels gegen die Angehörigen seiner eigenen Klasse verteidigen muss. 1980 für das Fernsehen entstanden, ist er der Film, in dem Loach am intensivsten die Natur zeigt – ohne sie als Refugium zu verklären.
Auch wenn Loach im Juni seinen 78. Geburtstag feiert, denkt er vermutlich nicht ans Aufhören. Als er 1994 im Berlinale-Wettbewerb „Ladybird, Ladybird“ zeigte, antwortete er bei der Pressekonferenz auf die Frage nach seiner Rolle als Vaterfigur: „Das ist mir zu sehr auf das Alter abgestellt. Ich bin ein Kämpfer. Ich kämpfe auch gegen das Alter.“ Das hat er 20 Jahre bekräftigt.

Text: Frank Arnold

Foto Ken Loach: Peter Himsel / Berlinale 2013

Szenenfoto „The Navigators“: Neue Visionen / Quelle: Deutsche Kinemathek, Berlin

Zur Person?
Ken Loach, Jahrgang 1936, begann seine Karriere als Regisseur bei der BBC. Hier revolutionierte er mit seinem naturalistischen Stil das Fernsehdrama, indem er es aus dem Studio auf die Straße holte. Seine bislang 24 Filme behandeln soziale Themen, seine Helden stammen meist aus der Arbeiterklasse. Zuletzt lief auf der Berlinale 2013 seine Dokumentation „Spirit of 45“.

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