Berlinale 2014

Die Berlinale Shorts 2014

La Casona

Kurzfilme haben es auf großen Festivals schwer, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dabei müsste ihnen die komprimierte Form eigentlich zum Vorteil reichen. Ohne die Zwänge einer äußeren Dramaturgie können sie sich auf die Beobachtung von Situationen konzentrieren. Die 25 Beiträge im Shorts-Programm der Berlinale belegen dann auch eindrucksvoll, dass sie die Kunstform der erzählerischen Zuspitzung vortrefflich beherrschen. Unabhängig von formalen Fragen, ob künstlerisch stilisiert oder dokumentarisch: In den besten Filmen stehen Protagonisten in einer Lebenskrise im Mitttelpunkt.
Naji Ismail geht in seiner Dokumentation „Om Amira“ der Frage nach, was es in Ägypten bedeutet, eine Frau zu sein. Ismail begleitet mit seiner Kamera die titelgebende Imbissbudenbesitzerin, die alleine für ihre vierköpfige Familie aufkommen muss. Ihre Fritten sind in der Gegend bekannt und ziehen Kunden von überall an. Während sie spätnachts Kartoffeln schnitzt, erzählt sie von ihrem Alltag, der belastet ist von finanzieller Not und der Sorge um ihre schwer kranke Tochter.
Die Regisseure Caroline Poggi und Jonathan Vinel wiederum zeichnen in „As Long As Shotguns Remain“ in kühlen Farben einen Männerkosmos, in dem jeder auf seine Weise einsam ist. In einer trostlosen französischen Kleinstadt begeht ein Teenager Selbstmord. Zurück bleiben die Tatwaffe und sein bester Freund, der plant, es ihm gleichzutun. Vorher möchte er aber seinen Bruder in die Gang Iceberg bringen. Das Pendant dazu ist Juliette Touins Dokumentation „La casona“ (Szenenfoto), die den Alltag eines jungen Mädchens in einem kubanischen Heim für Schwangere beschreibt. Beiläufig fängt ihr Film Wirklichkeitsfragmente ein: Babykurse, geschmuggelte Schokolade und klapprige Ventilatoren in einem Gebäude, das aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Einziger Kontakt zur Außenwelt ist das Telefon. Touin nähert sich dem Mädchen respektvoll, findet jedoch einen persönlichen Zugang zu ihr.
Dustin Guy Defas „Person to Person“ handelt vom Plattenladenbesitzer Bene, der nach einer Party ein Mädchen bei sich zu Hause findet. Dass er ein Problem hat, merkt er, als sie seine Wohnung nicht mehr verlassen will. Eine augenzwinkernde Geschichte, die – analog gefilmt – alt und gegenwärtig zugleich wirkt.
Mahdi Fleifel widmet sich nach dem umstrittenen Film „A World Not Ours“ wieder seinen palästinensischen Landsleuten. Sein bester Freund, Hauptprotagonist in „Xenos“, ist aus einem Flüchtlingslager im Libanon nach Athen geflohen. Arbeitslosigkeit, gesellschaftlicher Ausschluss, Depressionen, Drogenkonsum und Prostitution bestimmen das Leben in der Fremde, während die Rückkehr immer unwahrscheinlicher scheint.

Text: Siyuan He

Foto: Internationale Filmfestspiele Berlin

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