Berlinale 2014

Die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2014

Zeit der Kanibalen

„Kann einer von euch ein Gebet?“ Draußen vor der Tür des Hotelzimmers toben nigerianische Milizen – Menschen schreien, Schüsse fallen. Drinnen verstecken sich drei Unternehmensberater: panisch und kleinmütig angesichts der konkret blutigen Rahmenbedingungen, die ihre Geschäfte ermöglichen und die sie jetzt einholen. „Zeit der Kannibalen“ von Johannes Naber (Szenenbild) verdichtet den verbrecherischen Zynismus des entfesselten Kapitalismus in einem Kammerspiel am Beispiel dreier Figuren. In seiner schwarzhumorigen, kompromisslos bösartigen Haltung ist Nabers zweiter Kinofilm nach „Der Albaner“ (2010) entlarvend, erhellend und außerordentlich unterhaltsam zugleich. Er zählt zu den Highlights im Programm der Sektion Perspektive Deutsches Kino, die in diesem Jahr 14 Filme zeigt: lange, kurze, experimentelle, essayistische, dokumentarische, fiktionale und jene, die sich nicht an die Regeln halten.
Wie das nüchterne Komplementärstück zum unheiligen Kannibalentreiben lässt sich „Flowers of Freedom“ sehen, in dem Mirjam Leuze den langwierigen Kampf einer Gruppe von Frauen des kirgisischen Dorfes Bastoon gegen die ungehinderte Umweltgefährdung durch die nahe gelegene Kumtor-Goldmine dokumentiert. In Kirgisien war auch Levin Hübner und hat mit „Bosteri unterm Rad“ so knappe wie reiche Impressionen von einem entlegenen Ort außerhalb der Urlaubssaison mitgebracht.
In die Ferne schweifen viele Filme. In Schweden ist Jöns Jönssons „Lamento“ entstanden, die stille Geschichte einer Mutter, die der Trauer um ihre Tochter aus dem Weg gehen will und deren Tränen dann eben einen anderen Ausgang finden. Noa, Heldin von Ester Amramis „Anderswo“, flieht, von Heimweh überwältigt, von Berlin nach Israel und muss feststellen, dass Heimat eine Projektion ist.
Ebenso fern ist die Vergangenheit, und dementsprechend fremd wirkt, was Philip Widmann und Karsten Krause in „Szenario“ aus einem Koffer voller Erinnerungsstücke herausholen. Die den 1970er-Jahren entstammenden Souvenirs einer in Köln angesiedelten Affäre zwischen Chef und Sekretärin nutzen sie in ihrem klug komponierten Essayfilm zur mentalitätsgeschichtlichen Klärung einer spezifischen Form des Geschlechterverhältnisses. Dabei bleibt offen, inwieweit es sich um ein historisch überholtes Modell handelt.
Fremd und fern auch, was einer in sich selbst entdeckt, wenn er mal die Perspektive wechselt. Wie Gregor, der Protagonist von Maximilian Leos „Hüter meines Bruders“, mit dem die Sektion eröffnet. Auf der Suche nach seinem verschwundenen Bruder wühlt Gregor zunächst in dessen Leben, dann in dessen Liebe. Schließlich verliert er den Halt. Und (er)findet sich neu.
Wo Leo dem Verinnerlichten, dem Schweigen, dem Atmosphärischen und der Reflexion den Vorzug gibt, lässt Till Kleinert es in „Der Samurai“ genremäßig krachen. Allerdings nimmt die diffuse Ahnung von Identitätsverwirrung, die seinen Film – eines von zwei Midnight-Movies – durchwabert, die Gestalt einer veräußerlichten Drohung an. Schwertbewehrt zieht sie durch die Vorgärten eines brandenburgischen Kaffs. Kein Gartenzwerg bleibt ganz, keine Oma unbehelligt. Und schon gar nicht kommt Dorfpolizist Jakob ungeschoren davon. Schließlich war er es, der diesen Geist rief: Es ist der Wolf im Mann, und er will tanzen.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Pascal Schmit

TERMINE

„Zeit der Kannibalen“ Mo 10.02. 19:30, CinemaxX 3 (E); Di 11.02. 13:00, Colosseum 1 (E); Di 11.02. 21:00, CinemaxX 1 (E); „Flowers of Freedom“ Mi 12.02. 19:30; CinemaxX 3 (D); Do 13.02. 12:30, Colosseum 1 (D); Do 13.02. 20:30, CinemaxX 1 (E), „Bosteri unterm Rad“ Mi 12.02. 19:30, CinemaxX 3 (D); Do 13.02. 12:30, Colosseum 1 (D); Do 13.02. 20:30, CinemaxX 1 (E); „Anderswo“ Fr 14.02. 19:30, CinemaxX 3 (D); Sa 15.02. 13:00, Colosseum 1 (D); Sa 15.02. 20:30, CinemaxX 1 (E); „Szenario“ Di 11.02. 19:30, CinemaxX 3 (E); Mi 12.02. 12:30, Colosseum 1 (E); Mi 12.02. 20:30, CinemaxX 1 (E), „Hüter meines Bruders“ Fr 07.02. 19:30, CinemaxX 3 (E), Sa 08.02. 13:00; Colosseum 1 (E); Sa 08.02. 20:30, CinemaxX 1 (E); Sa 08.02. 20:00, HAU Hebbel am Ufer (HAU1) (E); So 09.02. 21:30, Toni & Tonino (E); „Der Samurai“ Sa 08.02. 23:00, CinemaxX 1 (E); Mi 12.02. 23:00, CinemaxX 1 (E)

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