Berlinale 2014

Filme aus Asien im Panorama

Nuoc

Der utopische Ökokrimi „Nuoc“ spielt 2030 in Südvietnam, wo die Hälfte des Farmlandes durch die Erderwärmung überschwemmt ist. In dieser Wasserwelt versucht eine junge Frau, die Ermordung ihres Mannes aufzuklären und gerät dabei in Konflikt mit einem multinationalen Konzern, der auf schwimmenden Offshore-Beeten mit gesundheits- gefährdender Gentechnik Gemüse produzieren will. Die ganz reale Umweltkatastrophe von Fukushima bildet die Ausgangslage des feinfühlig in Szene gesetzten, stimmungsvollen Familiendramas „Ieji“. Nach jahrelanger Abwesenheit im Tokioter Exil kehrt der Sohn eines Farmers zurück auf den Erbhof im radioaktiv verstrahlten Sperrgebiet, um wieder Reis anzupflanzen. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit seinem arbeitslosen Stiefbruder, der unter Minderwertigkeitskomplexen und der Tätigkeit seiner pragmatischen Gattin leidet, die notgedrungen als Prostituierte jobbt, um für den Lebensunterhalt der Familie mit kleiner Tocher und senil werdender Schwiegermutter zu sorgen.
Bai Mi Zha Dan KeInfolge von Immobilienspekulation, Industrialisierung und den Import von ausländischen Reis sahen sich in Taiwan viele Landwirte gezwungen, ihre Äcker unter Wert zu verkaufen. Ein frustrierter politischer Aktivist sprengt aus Protest kleine Pakete mit Reis in die Luft, um auf das Elend der Landbevölkerung aufmerksam zu machen – mit Erfolg. „Bai Mi Zha Dan Ke“ verknüpft die wahre Geschichte des „Reis Bombers“ mit einem Appell an humanitäres Mitgefühl und der Gegenüberstellung extremer sozialer Gegensätze: Während ein neureicher Geschäftemacher und seine rebellische Tochter im Luxus leben, sind vier verlassen auf dem Land lebende Kinder vom Hungertod bedroht. Vom bitterarmen Dasein der Provinzbevölkerung im sich allmählich nach außen öffnenden Entwicklungsland Myanmar zeugt „Bing Du“. Lange, starre Einstellungen machen spürbar, wie langsam die Uhren dort noch gehen. Da der Ernteertrag eines Bergbauern nicht zum Leben reicht, verdingt sich der Sohn als Drogenkurier und kommt dabei einer jungen Frau näher, die zuvor einem alten Mann im benachbarten China als gekaufte Braut gedient hat und desillusioniert heimgekehrt ist. Anfängliche Skrupel des unbedarften Bauernburschen zertreut sie mit den Worten: „Wenn man Geld hat, braucht man nicht ins Gefängnis“ – ein Hinweis auf die grassierende Korruption im Staat.
YeWährend „Quick Change“ das Ladyboy-Milieu in Manila in dokumentarisch anmutender Weise darstellt und davor warnt, sich Busen, Po, Lippen oder Penis von Quacksalbern mit Flüssigkeiten unbekannter Konsistenz aufspritzen zu lassen, veranschaulicht „Ye“ mit immer gleichen, wackeligen Einstellungen das eintönige Dasein eines selbstverliebten Strichjungen ohne Lebensperspektive in China. Produktionstechnisch professionell und psychologisch differenziert dargestellt ist dagegen das schwule, von Machtspielen und Gefühlsduellen geprägte Beziehungsdrama zweier Schüler in „Night Flight“.
Während Fruit Chans regressive Zombie-Groteske „The Midgnight After“ mit grimassierenden Mimen und Klamauk auf Kaspertheater-Niveau für ein nicht an kantonesische Komödien gewöhntes westliches Publikum nur schwer genießbar sein dürfte, bietet Dante Lams düsterer Thriller „Mo Jing“ über einen Cop, dem nicht nur Gangster und korrupte Kollegen, sondern auch eigene Dämonen schwer zu schaffen machen, visionär und spannend inszenierte Unterhaltung in bester Hongkong-Krimi-Tradition.

Text: Ralph Umard

Foto „Nuoc“ (oben): Internationale Filmfestspiele Berlin
Foto „Bai Mi Zha Dan Ke“ (mittig): Kou Cheng-Chang
Foto „Ye“ (unten): Zhou Hao

Nuoc (2030) von Nguyen-Vo Nghiem-Minh, Vietnam (Eröffnungsfilm des Panorama-Programms)
Bai Mi Tha Dan Ke (The Rice Bomber) von Cho Li, Taiwan
Bing Du (Ice Poison) von Midi Z, Taiwan/Myanmar
Xi You (Journey to the West) von Tsai Ming-liang,, Frankreich/Taiwan
Quick Change von Eduardo Roy Jr., Philippinen
Unfriend von Joselito Altarejos, Philippinen
Mo Jing (That Demon Within) von Dante Lam, Hongkong, China
The Midnight After von Fruit Chan, Hongkong China
Ye (The Night) von Zhou Hao, China
Ieji (Homeland) von Nao Kubota, Japan

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