Berlinale 2014

Filmkritik: „Boyhood“ von Richard Linklater

Martina_SowinskiDer Texaner schuf mit „Before Sunrise“ (1995), „Before Sunset“ (2004) und „Before Midnight“ (2013), der im letzten Jahr außer Konkurrenz auf der Berlinale gezeigt wurde, eine Trilogie, die in der Grundlage das zeigt, was er mit „Boyhood“ nun in einen Film gepresst hat. Linklater sieht seinen Charakteren gern beim Altern zu. Er folgt ihren persönlichen Niederlagen, sieht ihnen beim Glücklichsein zu und wird erst dann richtig gut, wenn seine Filme keinen Spannungsbogen besitzen. „Boyhood“ hat keine dramaturgische Höhepunkte. Er plätschert dafür in zutiefst unterhaltsamer Weise in der Alltäglichkeit daher.

Linklater erzählt mit „Boyhood“ die Geschichte des Jungen Mason (Ellar Coltrane), den er von seiner Schulzeit als Sechsjähriger bis zum College-Eintritt begleitet. Die erste Szene des Films wurde 2002 gedreht. Die letzte im Oktober 2013. Insgesamt benötigte der Regisseur nur 39 Drehtage in zwölf Jahren. Um so erstaunlicher ist es, wie durch und durch homogen dieser Film ist.

Die Übergänge in die einzelnen Zeitabschnitte von Kindheit und Jugend, Schulabschluss und  College-Beginn sind wunderbar fließend. Dazu liefert Linklater weit mehr als eine übliche Coming-Of-Age-Geschichte. Durch die Zeitspanne, die die Dreharbeiten in Anspruch nahmen, wirkt „Boyhood“ wie ein Kommentar zur jüngeren Geschichte der Popkultur. Musik und Kunst, das Entstehen sozialer Netzwerke, die Digitalisierung des Alltags, das Auseinanderbrechen klassischer Familienideale und nicht zuletzt politische Standpunkte fließen wie nebensächlich in das Erwachsenwerden von Mason ein. Dabei bleibt die Handlung ungerührt leichtfüßig, die Dialoge erstaunlich unbefangen. Mit aller Gewöhnlichkeit, die „Boyhood“ in ganzer Konsequenz zeigt, ist dieser Film meisterlich in seiner Form. Er lebt vom eindringlichen Spiel der Schauspieler, der mühelosen Inszenierung und der Beharrlichkeit, mit der er umgesetzt worden ist.

Text: Martin Daßinnies

Foto: Martina Sowinski

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Boyhood Regie: Richard Linklater, Darsteller: Patricia Arquette, Ethan Hawke, Ellar Coltrane, Lorelei Linklater, 167 Minuten

Weitere Termine

Fr 14.02. 10:00: Haus der Berliner Festspiele (D)

Fr 14.02. 12:30: Friedrichstadt-Palast (D)

Fr 14.02. 16:30: Friedrichstadt-Palast (D)

So 16.02. 21:00: Friedrichstadt-Palast (D)

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