Berlinale 2014

Filmkritik: Jack

Jack

„Guten Morgen Berlin, Du kannst so hässlich sein“ – könnte man davon ausgehen, dass der 10-jährige Jack (Ivo Pietzcker) die Textzeile aus dem Peter Fox-Song „Schwarz zu Blau“ kennen würde, man müsste quasi darauf bestehen, dass er das Lied irgendwann anstimmt. Dabei ist es gar nicht so sehr die Stadt, die dem Jungen so übel mitspielt – es ist vielmehr seine eigene Mutter Sanne (Luise Heyer). Höchstens Ende Zwanzig ist sie viel zu jung Mutter geworden, zieht sie Jack und seinen jüngeren Bruder Manuel (Georg Arms) als alleinerziehende Mutter groß und macht dabei selbst manchmal noch den Eindruck eines naiven Teenagers, der das eigene Glück noch nicht gefunden hat. Sanne liebt ihre Kinder – ohne jeden Zweifel! Doch wenn sie mit Männern und Party beschäftigt ist, muss eben Jack den Haushalt schmeißen und auf den kleinen Bruder aufpassen. Das geht lange Zeit auch gut und die kleine Familie befindet sich in einem wackligen, aber dennoch irgendwie stabilen Gleichgewicht. Bis zu dem Tag als es zu einem Unfall kommt, weil Jack nur eine Sekunde unaufmerksam ist.
Nach einem Deal seiner Mutter mit dem Jugendamt landet Jack schließlich in einem Heim, während Manuel zu Hause bei der Mutter bleiben darf. Als es Sanne schließlich sogar versäumt, Jack in den Sommerferien pünktlich nach Hause zu holen, macht sich der Junge selbst auf den Weg und findet sich wenig später vor einer verschlossenen Wohnungstür wieder.
So sehr es auch danach klingen mag: „Jack“ ist kein Berlin-Film. Die Geschichte des Jungen, der verloren durch die Häuserschluchten streift, könnte in jeder beliebigen deutschen Großstadt spielen. Sie lebt von ihrem Protagonisten und es ist allein der herausragenden Kraft des jungen Hauptdarstellers zu verdanken, dass man dem Geschehen gebannt folgt. Mal verletzlich, mal laut, trotzig und mutig, dann wieder verängstigt und schließlich mit fast bewundernswerter Konsequenz: Jack zieht sein Ding durch und ist dabei allein von der Liebe zu seiner Mutter getrieben und der Hoffnung, dass alles irgendwann gut wird.
Diskussionswürdig bleibt dabei die Frage, ob unsere Welt inzwischen wirklich so herzlos geworden ist, dass zwei kleine Jungen tagelang durch die Stadt irren können, ohne dass jemand die Initiative ergreift. Regisseur Edward Berger meinte dazu auf der Berlinale-Pressekonferenz, dass er die Erfahrung bei den Dreharbeiten gemacht habe, da einige Szenen ohne Absperrungen mit verborgener Kamera gedreht worden seien und die Jungs dabei nicht angesprochen wurden. So eine Einstellung mag dann vielleicht eine gewisse Zeit dauern, die Geschichte erzählt jedoch von mehreren Tagen.

Text: Martin Zeising

Foto: Jens Harant

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Jack, Deutschland 2014; Regie: Edward Berger; Darsteller: Ivo Pietzcker, Luise Heyer, Georg Arms, Vincent Redetzki; 103 Minuten

Weitere Termine:
Sa 08.02., 09.30 Uhr: Friedrichstadtpalast
Sa 08.02., 12.30 Uhr: Haus der Berliner Festspiele
Sa 08.02., 18.00 Uhr: Friedrichstadtpalast
So 09.02., 18.30 Uhr: Toni & Tonino
So 16.02., 13.00 Uhr: Haus der Kulturen der Welt

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