Berlinale 2014

Filmkritik: Kreuzweg von Dietrich Brüggemann

Kreuzweg

Wenn Eltern ihre Kinder einer fanatischen religiösen Idee unterwerfen, kann es sich nur um islamistische Traditionen handeln. Diesem vorschnellen Konsens setzt „Kreuzweg“ die Geschichte der 14jährigen Maria (Lea van Acken) entgegen, die unter dem Regime einer fundamentalistischen katholischen Familie aufwächst und kurz vor der Firmung, ihrer Initiation zur „Soldatin Gottes“, in eine abgrundtiefe Krise stürzt. Der mitreißende Pfarrer (Florian Stetter) predigt ein der radikal traditionalistischen katholischen Pius-Bruderschaft entlehntes Weltbild, das Keuschheit, Opfer, Reue und Gehorsam fordert. Leas verhärmt verbissene Mutter (Franziska Weisz) bestraft ihre Älteste als rechte Hand Gottes für jede individuelle Regung. Der Vater duckt sich, die jüngeren Geschwister parieren, der jüngste, Leas Liebling, verweigert das Sprechen. In zwölf Episoden entfaltet der Film, angelehnt an den Kreuzweg Jesu in der minimalistischen Form von Plansequenzen und fixierten Kamerapositionen die ungeheure Wucht von Marias tragischer Verstrickung. Je rigoroser die Schülerin kleine Ablenkungen vom radikal rechten Weg, z. B. den dezenten Flirtversuch eines Mitschülers abweist, umso härter spiegelt ihr die Mutter ihre angebliche Verderbtheit. Bleibt die Konsequenz der Selbstaufopferung. „Kreuzweg“ lenkt den Blick auf den seelischen Missbrauch, dem Kinder im geschlossenen Zirkel selbstgerechter christlich fundamentalistischer Kreise ausgesetzt sind. Doch das große Kino, das Dietrich Brüggemann und seine Ko-Autorin und Schwester Anna Brüggemann ihrem Stoff abgewinnen, erzählt zugleich eine magische Heiligenlegende.

Text: Claudia Lenßen

Foto: Alexander Sass

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Kreuzweg, Deutschland/Frankreich 2014; Regie: Dietrich Brüggemann; Darsteller: Lea van Acken, Franziska Weisz, Florian Stetter; 107 Minuten

Weitere Termine:
Mo 10.02., 09.30 Uhr: Friedrichstadtpalast
Mo 10.02., 18.00 Uhr: Friedrichstadtpalast
Mo 10.02., 22.30 Uhr: Kino International
Do 13.02., 21.30 Uhr: Thalia Potsdam
So 16.02., 09.30 Uhr: Haus der Berliner Festspiele

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