Berlinale 2014

Glamour in Görlitz

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Das prächtige Jugendstilkaufhaus ist einzigartig in Deutschland und war hauptdrehort des Hollywood-Films.

In diesem Sessel hat vielleicht Adrien Brody gesessen, in jenem Bett womöglich Bill Murray übernachtet und mit dem Fahrstuhl ist bestimmt auch Owen Wilson gefahren. Hier waren sie jedenfalls alle. Und das Hotel, in dem diese Stars für den Dreh des Wes-Anderson-Films „The Grand Budapest Hotel“ abgestiegen sind, steht nicht etwa in Los Angeles oder New York und auch nicht in Budapest, sondern in Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands.

Auf Fragen, wer wo geschlafen oder sich vielleicht daneben benommen hat, bekommt man als Antwort von Georg Rittmannsperger, dem Besitzer des Hotel Börse, nur einen geringschätzigen Blick. Selbstverständlich wird kein Wort über diese berühmten Gäste seine Lippen verlassen. Solche Loyalität und Verschwiegenheit sind ein Grund, warum Görlitz als Filmstadt mittlerweile so gefragt ist. Die Stadt ist sehr kooperativ und macht Dinge möglich, die woanders komplizierter Sondergenehmigungen bedürften. Der Hauptgrund aber, warum Görlitz sich als Filmlocation empfiehlt, ist seine einzigartige Kulisse. Denn hier findet man ein Ensemble an historischen, liebevoll restaurierten Häusern, das europaweit einzigartig ist. Ob mittelalterliche Türme, Spätgotik, Renaissance, Barock, Jugendstil oder Gründerzeit: Görlitz ist wie ein architektonisches Freiluftmuseum.

Das Hotel Börse etwa direkt am Marktplatz gegenüber dem Flüsterbogen wurde im Barockstil gebaut. Und genau dort stiegen vor gut einem Jahr all diese Hollywoodstars ab. Neben Brody, Murray und Owen kamen etwa auch Ralph Fiennes, Tilda Swinton, Edward Norton, Jude Law zum Dreh von Wes Anderson. „The Grand Budapest Hotel“, dem Eröffnungsfilm der Berlinale. Er spielt in den 1920er-Jahre und dreht sich um den Concierge Monsieur Gustave, gespielt von Ralph Fiennes, und dem neuen Lobbyboy Zero Moustafa (Tony Revolori), den er anlernt. Doch es geht längst nicht nur um das Leben im Hotel: Die beiden geraten in ein Abenteuer um ein gestohlenes Renaissancegemälde und ein riesiges Familien-Vermögen. Wie immer bei Kultregisseur Wes Anderson („Darjeeling Limited“, „The Royal Tenenbaums“, „Der fantastische Mr. Fox“) ist all das ein bisschen schrill, ein bisschen schräg und ziemlich bunt inszeniert.

Weiterlesen: Wes Anderson im Interview zu „The Grand Budapest Hotel“

Und fast alles wurde gefilmt in Görlitz. Hauptdrehort: das Jugendstilkaufhaus nahe der Frauenkirche. Es stand leer, als Anderson es für seinen Film entdeckte. Während des Drehs waren hier alle Fenster zugeklebt: höchste Geheimhaltungsstufe. Besonders beeindruckend an dem ehemaligen Hertie-Kaufhaus ist die prächtige Innenarchitektur mit kunstvoll verzierten Säulen und die Glaskuppel mit Schwarzlotmalerei, die den Lichthof überdacht.

„The Grand Budapest Hotel“ ist längst nicht der einzige Film, der hier entstand. Seit 1954 wurden hier 74 Filme gedreht. Darunter „Goethe“, bei dem man mitten im Sommer den Untermarkt mit Kunstschnee berieselte, oder „Der Turm“ nach dem Roman von Uwe Tellkamp mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle. Und da in den letzten Jahren in Görlitz auch immer mehr internationale Filme entstanden, hat man sich nun kurzerhand den Namen „Görliwood“ schützen lassen. „Der Vorleser“ mit Kate Winslet wurde hier gedreht genau wie Teile von „Inglorious Bastards“ von Quentin Tarantino oder „In 80 Tagen um die Welt“, eine millionenschwere Produktion, in der sich Jacky Chan todesmutig aus einem der Fenster am Untermarkt stürzte. Görlitz war im Laufe der Zeit filmisch schon das alte Paris, ein anderes Mal der Hafen von New York oder Berlin, Heidelberg, Dresden

Und die Görlitzer? Sie sehen es gelassen, dass immer wieder ganze Straßenzüge für Dreharbeiten gesperrt werden. Und fast jeder von ihnen hat in dem einen oder anderen Film schon als Statist gearbeitet. Von den Hollywoodstars, die für „The Grand Budapest Hotel“ kamen, hätte der eine oder andere schon gern ein Foto oder Autogramm gehabt, allerdings waren die abgeschirmt und stiegen an jedem Drehtag gut verhüllt in ein Auto, das direkt vor dem Hotel Börse hielt.

Nicht nur der Filmindustrie hat Görlitz, einst eine der wohlhabendsten Städte des Landes, sein Renommee zu verdanken. Dass die Altstadt heute weitestgehend saniert ist, liegt auch an einem geheimnisvollen Gönner, der eigens dafür jedes Jahr im März eine halbe Million Euro überweist. Alle Versuche herauszufinden, wer dahintersteckt, liefen ins Leere. Und wenn der Name des Mäzens bekannt werden sollte, würde diese Geldquelle auch sofort versiegen, wie dessen Kanzlei mitteilte. Aus Dankbarkeit gegenüber dem anonymen Spender werden alle Häuser, die aus dessen Mitteln restauriert werden, mit einer Plakette versehen. Eine wahre Geschichte, wie sie auch Hollywood nicht besser hätte erfinden können.

Text: Cornelia Wolter

Foto: S. Wenzel

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