Berlinale 2014

Hoffnungsträger: Berlinale Talents

Historia del Miedo

Wenn ab dem 6. Februar im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele auch „Kreuzweg“ von Dietrich Brüggemann, Benjamin Naishtats Spielfilm-Debüt „Historia del miedo“ (Uruguay/Argentinien – Szenenbild) und die deutsch-brasilianische Produktion „Praia do futuro“ gegeneinander antreten, ist das nicht nur für die Beteiligten ein Erfolg, sondern auch für das Festival. Denn an allen drei Filmen waren ehemalige Talent-Campus-Teilnehmer (Alumni) beteiligt: Dietrich und Anna Brüggemann (Drehbuch) waren 2003 dort, ihr Produzent Jochen Laube 2004, „Historia“-Produzent Benjamin Domenech 2010, die Ko-Produzenten von „Praia do futuro“, Henning Kamm und Fabian Gasmia, 2012 beziehungsweise 2013. Insgesamt – so der Stand zu tip-Redaktionsschluss – laufen in diesem Jahr in den verschiedenen Berlinale-Sektionen 62 Filme, an denen 82 Alumni beteiligt waren. Diese Quote steigt von Jahr zu Jahr, für Berlinale-Chef Dieter Kosslick wohl keine kleine Genugtuung.
Bereits bei seiner ersten Berlinale 2002 hatte Kosslick sein Talent-Campus-Konzept vorgestellt. Ein Jahr später fand ein erstes Treffen von jungen, aber nicht völlig unerfahrenen Filmemachern statt, damals nahmen etwa 500 teil, ihr Campus war zunächst noch im Haus der Kulturen der Welt untergebracht. Mit Master Classes und Begegnungen mit Experten und Veteranen des Kinos, Gesprächen und Treffen von diesmal 300 Teilnehmern („Talents“) aus 79 Ländern, aber auch öffentlichen Veranstaltungen ist aus der Nachwuchsveranstaltung längst eine feste Berlinale-Größe mit bemerkenswerter Strahlkraft geworden.
„Damals war das eine neue Idee“, sagt Matthijs Wouter Knol. „Es werden Teilnehmer, Experten, akkreditierte Besucher und Zuschauer zusammengebracht, um sich offen auszutauschen, Fragen zu stellen, ihr Interesse zu zeigen. Das hat sich bewährt, deshalb bleibt das auch erfolgreich.“
Seit September 2008 leitet Knol als Programmleiter zusammen mit Projektleiterin Christine Tröstrum den Talent Campus, der ab diesem Jahr Berlinale Talents heißt. „Mit der Umbenennung wollen wir noch deutlicher machen“, erklärt Knol, „dass es hier um die Leute, die Talente geht, die aufstrebende, junge Generation des Kinos.“
4?167 Filmschaffende aus 167 Ländern – Regisseure, Autoren, Produzenten, aber auch Filmkomponisten und Cutter – hatten sich zwischen Mitte Juli und Mitte September des letzten Jahres für einen Talents-Platz beworben. Infrage und in die Auswahl kommen dabei keine blutigen Anfänger, sondern Leute, die sich filmisch bereits beweisen konnten, mit einem Abschluss- oder Festivalfilm. Insofern gibt es einen deutlichen Unterschied zum restlichen Festivalprogramm: „Wir wählen keine Filme aus, sondern Personen“, sagt Christine Tröstrum, „die am Anfang ihrer Karriere und vor dem Sprung ins internationale Filmgeschäft stehen oder diesen gerade geschafft haben.“
Wichtig sei dabei, dass die Teilnehmer alle auf dem „gleichen professionellen Level“ seien. Kommunikation und Austausch passierten da quasi reflex-artig. „Freitag kommen die Talents an, Samstag gibt es die Einführungsveranstaltung, da hat man schon nach einem halben Tag das Gefühl, man kennt sich seit Jahren“, meint Christine Tröstrum.
Meinungsaustausch und Wissenstransfer „auf Augenhöhe“ stehen im Mittelpunkt der Berlinale Talents, zwischen Teilnehmern, Besuchern oder geladenen Experten. Die haben offenbar auch viel Gefallen an den Ideen und Konzepten der einwöchigen Kurse, Seminare und Podiumsgespräche gefunden. Mike Leigh habe schon einmal seine Teilnahme bei der Berlinale davon abhängig gemacht, auch Talents unterrichten zu können. Im öffentlichen Programm-Teil von Berlinale Talents sind oft prominente Gäste und interessante Themen auch für das normale Publikum zugänglich. In diesem Jahr reden so in den HAU-Häusern etwa Agnиs Godard über Kameraarbeit, Produzentin Martha De Laurentiis und Regisseur Neil Jordan über die erfolgreiche Konzeption von Fernsehserien, es geht um Filmkritik und Science-Fiction, flankierend zur Berlinale-Aufführung von Lars von Triers „Nymphomaniac“ erörtert Louise Vesth von Zentropa Films, wie man „schwierige“ Filme erfolgreich verkauft.
Anders als im offiziellen Festivalprogramm geht es auch um wirtschaftliche Aspekte. „Wir wollen das Arthouse-Kino pflegen, aber darüber nicht den Mainstream vernachlässigen“, meint Tröstrum. „Berlinale Talents bewegt sich immer zwischen diesen Polen.“ Auf dem European Film Market (EFM) wird es jetzt erstmals einen Talents-Stand geben, um die noch nicht ganz oder nicht international arrivierten Talente und ihre Projekte potenziellen Geldgebern und Verleihern besser zu präsentieren. Berührungsängste mit Finanziers oder Firmen gibt es nicht: Auch die Berlinale-Talents-Veranstaltung wird nicht von der Berlinale finanziert, sondern durch Fördermittel und Sponsorengelder.
Reizvoll ist die Arbeit für Christine Tröstrum und Matthijs Wouter Knol auch wegen der Blicke in die filmische Zukunft, die sie erhalten. „Wir erfahren schon etwas über Projekte, die vielleicht erst in zwei, drei Jahren als fertiger Film im Kino sind oder auf dem Festival auftauchen“, sagt Tröstrum. „Da erkennt man schon früh neue Tendenzen und Schwerpunkte.“ Im Moment tauchen viele Horror-, Zombie- und Vampirgeschichten auf.
Dieter Kosslick, sagt Christine Tröstrum, habe einmal vorgerechnet, dass in 30 Jahren vielleicht 350 Festivalfilme von ehemaligen Berlinale Talents sein würden. So unwahrscheinlich das klingen mag, ganz auszuschließen ist es nicht.

Text: Thomas Klein

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