Berlinale 2014

„Kreuzweg“ von Anna und Dietrich Brüggemann im Wettbewerb

Kreuzweg

Vielleicht muss man das im gottlosen Berlin kurz erklären: Vom Todesurteil bis zum Grab sind es 14 Stationen. So sieht der Kreuzweg von Jesus aus. Naheliegend, dass ein Film mit dem Titel „Kreuzweg“ ebenfalls in 14 Kapitel unterteilt ist. Doch in dem Drama von Anna und Dietrich Brüggemann steht nicht der alte Schmerzensmann im Mittelpunkt, sondern ein junges Mädchen: Maria gehört einer erzkatholischen Gemeinde an und ist natürlich 14 Jahre alt. Die erste Station auf Marias Leidensweg heißt: „Jesus wird zum Tode verurteilt“, die letzte: „Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt“. Ein Happy End ist ausgeschlossen, das liegt in der Natur der Sache.
Zwei Wochen vor Beginn der Berlinale treffen wir die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann in einem Büro am Straußberger Platz. Draußen liegt der erste Schnee und sie plädieren dafür, Weihnachten (auch so eine Jesus-Story) um einen Monat zu verschieben. Das Drehbuch zu „Kreuzweg“ haben sie zusammen verfasst, Dietrich führte Regie. So war das auch bei den drei anderen gemeinsam geschriebenen Spielfilmen: „Neun Szenen“, „Renn, wenn du kannst“ und „3 Zimmer/Küche/Bad“. Anna spielt in ihnen jeweils die weibliche Hauptrolle. In „Kreuzweg“ taucht sie nur in einer Nebenrolle auf.
„Bis jetzt haben wir Filme gemacht, die sehr lustig und gleichzeitig sehr traurig sind“, erzählt Anna. „Wir hatten den Status der Geschwister, die drollige Filme machen. Dieser Film ist jetzt nicht lustig.“ Dietrich betont aber auch die Kontinuität: „Im Kern geht es beim Erzählen immer darum, einen bestimmten Blick auf Menschen einzunehmen. Die Qualität eines Films zeigt sich darin, die Menschen in all ihren Facetten glaubwürdig zu schildern. Und da unterscheidet sich ‚3 Zimmer/Küche/Bad‘ nicht von ‚Kreuzweg‘.“
„Kreuzweg“ spielt in einer Gemeinde der Priesterbruderschaft St. Pius X., die modernistische Tendenzen der römisch-katholischen Kirche ablehnt. Zehntausende Gläubige soll es hierzulande geben, 600?000 weltweit. Die Brüggemann-Geschwister verkehrten früher selbst einmal in einer solchen Gemeinschaft. „Ende der Achtziger“, erzählt Anna, „hatten wir ein paar Monate Kontakt mit dieser komplett anderen Welt.“ Bei den Recherchen stellten sie fest, dass sich seitdem nicht viel verändert hat.
Die Idee zu „Kreuzweg“ entstand in der Hauptstadt der Ungläubigen. „Als ich vor vier Jahren auf der Berlinale durch die verschneiten Straßenschluchten spazierte“, erzählt Dietrich, „dachte ich mir, man müsste mal eine Geschichte von einem Kind in fundamentalistisch-katholischen Kreisen erzählen.“ Jetzt kommt der Film dort zur Welt, wo er erdacht wurde. Die internationale Presse kriegt „Kreuzweg“ sonntagmorgens zu sehen, wenn anderswo die Messe beginnt – ein Zeichen vom Hohepriester der Filmfestspiele.

Text: Volker Gunske

Foto: Alexander Sass

Termine: So 09.02. 16:00, Berlinale Palast (E); Mo 10.02. 09:30, Friedrichstadt-Palast (E); Mo 10.02. 18:00, Friedrichstadt-Palast (E); Mo 10.02. 22:30; International (E); So 16.02. 09:30, Haus der Berliner Festspiele (E), Do 13.02. 21:30, Thalia Programm Kino (E)

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