Berlinale 2014

„Nymphomoniac“ von Lars von Trier im Wettbewerb

Nymphomaniac

„Mein nächster Film wird ein Porno sein, und ich möchte, dass du darin die Hauptrolle spielst. Aber du wirst nicht zum Ficken kommen, dafür darfst du viel sprechen. Wir zeigen nur deinen Schwanz zum Schluss, und er wird sehr schlaff sein.“ Mit derlei flapsigen Worten lockte Lars von Trier seinen alten Mitstreiter Stellan Skarsgard für „Nymphomaniac“, und streng genommen war damit klar, was sich von dem Film erwarten ließ. In keinem Falle ein Porno. Das erkannte auch der umworbene Schauspieler sofort: „Wichsen kannst du dazu jedenfalls nicht. Solche Aussagen sind typisch für Lars. Er sagt nicht: ‚Ich mache ein schönes Kunstwerk‘, sondern ?nimmt lieber alle Prätention und falschen Ansprüche heraus.“
Eine derart drastische Wortwahl zur Charakterisierung seiner eigenen Werke ist freilich selbst für von Trier ungewöhnlich. Das lässt eigentlich nur folgenden Schluss zu: Er überspielt damit, wie zutiefst persönlich „Nymphomaniac“ für ihn ist, dessen ungekürzte, zweiteilige Version auf der Berlinale ihre Premiere haben wird.
NymphomaniacAuf einer Ebene erzählt der Film eine für von Trier typische weibliche Passionsgeschichte – analog zur Leitthematik von „Breaking the Waves“, „Dancer in the Dark“ oder „Antichrist“. In acht Kapiteln breitet die Protagonistin Joe (Charlotte Gainsbourg) ihre triebhaft-peinvollen Eskapaden im Reich des Sexus aus. Die Spielarten reichen von jugendlichen Experimenten bis zu masochistischen Exzessen. Zuhörer ist der von Skarsgard gespielte jungfräuliche Gelehrte Seligman, der diese Ausführungen in einem übergreifendem Kontext erläutert, indem er sie in Zusammenhang mit den Techniken des Fliegenfischens, dem orthodoxen Christentum oder Bachs Choralvorspiel f-moll stellt.
Wie sehr sich von Trier mit seinen weiblichen Hauptfiguren identifiziert, ist spätestens seit „Antichrist“ und „Melancholia“ klar, in denen er seine eigenen Depressionen und Erfahrungen mit der Psychoanalyse symbolhaft gebrochen reflektierte. Die Intellektualität des Regisseurs wird wiederum von Seligman widergespiegelt – nicht zufällig ein Mann jüdischer Herkunft, die von Trier bis zu seinem 40. Lebensjahr selbst zu besitzen glaubte. Ein Irrtum, der auch den Hintergrund seines missverständlichen „Ich bin ein Nazi“-Zitats bildete. Charlotte Gainsbourg sagt es denn auch direkt: „Lars steckt in Joe und Seligman. Diese beiden Personen sind verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit, die hier im Dialog miteinander stehen.“
NymphomaniacSelbst der britischen Nachwuchsdarstellerin Stacy Martin, die in der Rolle der jungen Joe ihr Leinwanddebüt gibt, entging nicht, dass dieser Film zuvorderst ein Trip in die Psyche seines Regisseurs ist: „Alles in diesem Film ist Lars. Alles, was er im Leben liebt, ob Fliegenfischen oder Bäume, hat er hier hineingesteckt.“ Das gilt auch in filmischer Hinsicht. Die Auftaktszene ist eine Hommage an die meditativen Bildwelten Andrej Tarkowskijs, dem im Abspann gedankt wird. Abgesehen von der Grundthematik gibt es Anklänge und teilweise sogar direkte Zitate aus Triers gesamtem Њuvre, von „The Kingdom“ über „Manderlay“ bis zu „Antichrist“.
Die ganze Konzeption des Films hat etwas Exhibitionistisches an sich, und damit sind auch die pornografisch freizügigen Szenen nur konsequent. Die wiederum sorgten hinter den Kulissen für skurrile Begleitumstände. Für die expliziten Körpereinsätze hatte jeder Darsteller ein Sex-Double, dessen Körper dann digital mit dem des regulären Schauspielers montiert wurde. „Beim Dreh dieser Szenen fühlte ich mich mitunter wie ein Roboter“, so Martin. „Man klebte mich mit schwarzen Punkten voll, dann durfte ich mich nur in einem ganz bestimmten Winkel bewegen.“ Zur Einstimmung zeigte von Trier seinen Schauspielern ein ganzes Sortiment an prothetischen Penissen und Vaginas, die ebenfalls zum Einsatz kamen. „Es war teilweise sehr lustig“, so Martin. Entsprechend umfasst die breite erzählerische Palette von „Nymphomaniac“ auch herrlich komische Szenen.
NymphomaniacExzessiv ist überdies die Lauflänge des gesamten Projekts, das bei seiner ersten Pressevorführung in Kopenhagen im Dezember in zwei Teilen а rund zwei Stunden gezeigt wurde. Die sind freilich laut offizieller Verlautbarung von Triers nur „eine verkürzte und zensierte Version“. Das Berlinale-Publikum wird in den Genuss des fünfeinhalbstündigen Director’s Cut kommen, der aufgrund verschiedener Zensurvorschriften in einzelnen Territorien nicht so gezeigt werden darf. Die Streichungen betreffen aber nicht nur pornografische Details, von denen es in der verknappten Fassung schon genügend gibt. Speziell aus dem zweiten Teil der Geschichte, der von der älteren Joe handelt, wurden ganze Kapitel entfernt. „Mir ist die längere Version lieber, denn das ist der Film, so wie er ihn wollte“, so Gainsbourg.
Während von Triers Obsessionen ihre Tour durch die weltweiten Kinos antreten, bricht für den Regisseur selbst jetzt wieder eine Leidenszeit an. „Er weiß jetzt nicht, was er als Nächstes tun soll, und das stürzt ihn wieder in Depressionen“, so sein Freund Skarsgard. Doch die Art und Weise, wie er sie als Grundstoff seines Schaffens nutzt, erklärt auch seinen Ausnahmestatus. „Er projiziert sich auf sehr originelle Weise in seine Filme, mit reichen Farben, mit Sinn für Humor und Zynismus“, so Charlotte Gainsbourg. „Ich habe kaum je einen Regisseur getroffen, der sein Leiden so offen und ehrlich gezeigt hat.“

Text: Rüdiger Sturm

Fotos: Christian Geisnaes/ Concorde Filmverleih 2013

Termine: So 09.02. 19:00, Berlinale Palast (D); Mo 10.02. 12:00, Friedrichstadt-Palast (D); Mo 10.02. 21:30, Haus der Berliner Festspiele (D), So 16.02. 21:00, Berlinale Palast (D)

Mehr über Cookies erfahren