Berlinale 2014

„She’s Lost Control“ im Forum der Berlinale 2014

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Es ist später Vormittag in Manhattan, als Anja Marquardt mit dickem Schal bekleidet vor die Webcam tritt. Die Leitung Berlin-New York steht, und wieder ist es ein Experiment, ob zwei Kameras und Mikrofone es schaffen, „echte“ Konversation zu ermöglichen. Eine Problematik, die auch auf Marquardts Spielfilmdebüt „She’s Lost Control“ verweist, das während dieser Berlinale Premiere haben wird. Denn der Film, bei dem Marquardt Regie geführt hat und der wohl am ehesten als NYC-Indie-Produktion bezeichnet werden kann, ist um das Thema Kommunikation arrangiert. Und zwar nicht irgendeine Form von Kommunikation, sondern gleich die innigste von allen: „She’s Lost Control“ beschäftigt sich mit Intimität. Und das vorrangig anhand seiner zentralen Protagonistin Ronah (Brooke Bloom), die eben jene als therapeutische Dienstleistung anbietet.

„Oft wird Intimität mit Sexualität gleichgesetzt. Mir war es in meinem Film sehr wichtig, einen anderen Standpunkt, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Zu untersuchen, wie Intimität zwischen zwei Menschen wirklich aussehen kann.“ Dass sich Marquardt für die Anordnung in einem therapeutisch-urbanen Umfeld entschieden hat, ist sicher kein Zufall. Zum einen zielt Ronahs Tätigkeit als „sexual surrogate“, als Sexualpartnerin in einer therapeutischen Behandlung, natürlich in die Wunde eines anonymisierten Großstadtmilieus, mitsamt seinen psychisch, im weitesten Sinne, defizitären Bewohnern.

Zum anderen ist es immer ein kluger Gedanke, Fragestellungen genau dort zu finden, wo es hapert. Unter welchen Erschwernissen Ronahs Klienten jedoch zu leiden haben, ist bis dato reine Spekulation: „She’s Lost Control“ befindet sich in den letzten Zügen der Fertigstellung. Und die Regisseurin noch für wenige Tage im Aufnahmestudio des Filmkomponisten Simon Tafiques. Letzte Ergänzungen, bevor es zum wirklichen Finale nach Babelsberg geht. Für die gebürtige Berlinerin Anja Marquardt ein stetes Hin und Her zwischen den Kontinenten, seit Jahren schon: mit Stationen und längeren Reisen in Arizona, Granada oder Nord-Laos. Vor allem New York ist für die Absolventin der Universität der Künste ein Ort geworden, an dem sie sich heimisch fühlt: „Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen der New Yorker und der Berliner Filmszene, Synergien und in gewisser Weise auch einen Independent-Charakter. New York hat mich insbesondere nach dem 11. September angezogen. Was wahrscheinlich mit meinem Interesse am Abgründigen zu tun hat.“

Auch „She’s Lost Control“ ist keine Erzählung um eine übermenschelnde Dreißigjährige mit zu viel Liebe im Bauch. Denn selbstverständlich weist Ronahs Person über die Grenzen der reinen Berufsausübung hinaus, ist der Handel mit der Währung Intimität nicht immer Einbahnstraße. Wie könnte er auch? Oder wäre die Handlung dann noch immer „intim“? Fragen, die auch Marquardt umtreiben. „Gibt es einen Ersatz für Intimität, der sich anfühlt wie echte Intimität? Wie korreliert diese professionelle Intimität mit einer privaten? Was passiert, wenn therapeutische Beziehungen auf den Kopf gestellt werden, das heißt, Grenzen überschritten werden, die im Rahmen von Intimität überschritten werden müssen?“ Auf die Antworten, die der dann fertige Film im Forum der Berlinale geben wird, darf man gespannt sein.

Text: Carolin Weidner

Foto: SLC Film LLC (oben)

Termine: So 09.02. 19:00, Delphi Filmpalast (D); Mo 10.02. 16:30, CineStar 8 (D); Do 13.02. 20:00, Cubix 9 (D), So 16.02. 20:00, Colosseum 1 (D);  Di 11.02. 11:00, HAU Hebbel am Ufer (HAU1) (D); Mi 12.02. 21:30 ?Passage (D)

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