Berlinale 2014

„Über-Ich und Du“ von Benjamin Heisenberg bei der Berlinale 2014

Über-Ich und Du

In den Filmen von Benjamin Heisenberg haben Therapeuten nicht die besten Karten. Bereits in „Der Räuber“ (2010) wurde ein unglücklich intervenierender Psychologe Opfer eines Gewaltausbruchs und nun erscheint dieser Mann in seinem Kino: Professor Dr. Dr. Kurt Ledig, bayerischer Psychoanalytiker aus dem Elsass, Mitte achtzig, geplagt von alters- und verdrängungsbedingten Gedächtnisstörungen, die die Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit erschweren und auch sonst einiges durcheinanderbringen: „Sartre hatte recht“, sagt Ledig: „Ich bin ein Ekel.“
Will man zu diesem Analytiker in die Therapie gehen? Ein Linzer Strizzi (Georg Friedrich) sagt: „Ja!“ Aber auch nur, weil er einfach zu allem „Ja!“ sagt, sagen muss, während er sich mit kostspieligen Wünschen der Münchner Halbwelt herumschlägt. Für ein paar Tage sucht er Unterschlupf in Ledigs Haus und wird prompt – buchstäblich bis zum Hals – von dessen sphinxischen Rätseln verschlungen. Das ist der Ausgangspunkt von „Über-Ich und Du“.
Die „Nouvelle Vague Allemande“ kann auch Komödie, und zwar hinreißend gut. Maren Ade hat das mit „Alle Anderen“ und „Der Wald vor lauter Bäumen“ bewiesen, Tatjana Turanski in „Eine flexible Frau“. Aber Benjamin Heisenberg geht einen Schritt weiter. Sein nicht nur im Titel auf hohem Niveau kalauernder Film könnte das falsche Klischee von den bierernsten, spröden Berliner-Schule-Regisseuren endgültig verabschieden. „Ich hatte schon seit Jahren vor, etwas Komödiantisches zu machen“, ruft Heisenberg in sein Handy auf einer frühmorgendlichen Autobahnfahrt durchs Schweizer Voralpenland, wo wir ihn im Berlinale-Vorfeld erreichen. „Auch ‚Schläfer‘ (Heisenbergs Terrorismus-Paranoia-Film von 2005 – Anm. d. R.) sollte ursprünglich eine Komödie werden, bis ich verstand, dass er besser als Tragödie funktioniert. Daran erkennt man, wie lange ich schon etwas in dieser Richtung vor hatte.“
„Über-Ich und Du“ hat Zutaten aus allen möglichen Komödiengenres, eine Mischung aus Klassik und Anarchie mit Rebirthing-Scherzen vor Alpenpanorama, schamanistischen Ritualen, einer dominanten Gangster-Patin namens „Mutter“ (Maria Hofstätter), einer verführerisch grünen Seidenblusenträgerin (Susanne Wolf) – und dem unvergleichlichen Kaurismäki-Akteur Andrй Wilms („Le Havre“) der sich als zerstreuter Analytiker selbst das größte Geheimnis ist.
Die Vermutung, dass in der Konstellation des Films auch ein Stück Familiengeschichte verhandelt würde (sein Großvater Werner Heisenberg war in die Atombombenforschung der Nazis involviert), weist Benjamin Heisenberg freundlich zurück: „Um reale Vorbilder geht es mir nicht. Das Thema – Aufarbeitung einer Geschichte im Dritten Reich – interessiert mich und das transportiert hier die Hauptfigur. Was genau meine persönliche Geschichte mit diesem Film zu tun hat, weiss nur meine Psychologin. Aber die Nazi-Geschichte von Curt Ledig ist auch nur ein Anteil der Erzählung, in der ja beide Hauptfiguren auf ihre sehr spezielle Art miteinander und ihren Geschichten umgehen.“ Jede Analyse ist eben einzigartig.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Komplizen Film

Termine: Termine: So 09.02. 20:00, International (E); Mo 10.02. 17:45, CineStar 3 (E); Mi 12.02. 10:00, CinemaxX 7 (E); Sa 15.02. 21:30, Zoo Palast 1 (E); So 16.02. 14:30 Cubix 9 (E)

Zur Person?
Der Filmemacher, Autor und bildende Künstler Benjamin Heisenberg, Mitherausgeber des Filmmagazins „Revolver“, gehört zu den Begründern der Berliner Schule. Seine Filme „Schläfer“ (2005) und „Der Räuber“ (2010) wurden vielfach ausgezeichnet.

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