Berlinale 2014

Wettbewerb: Wes Anderson über „Grand Budapest Hotel“

The Grand Budapest Hotel

tip Wie wichtig war es für Sie, den Film in Europa zu drehen – und was gab den Ausschlag für Görlitz?
Wes Anderson Beim Location Scouting bereisten wir auch Österreich, Ungarn, die Tschechische Republik – doch entscheidend ist für mich immer die direkte Inspiration durch Orte. In Görlitz und dem Großraum Sachsen stießen wir etwa auf viele leer stehende Wohnungen aus dem 19. Jahrhundert, deren Architektur unser Bühnendesign massiv prägte. So etwas können Sie nicht auf der Bühne in Vancouver nachbauen. Hinzu kam der Reichtum deutscher Schauspieler auch in kleinsten Rollen, darunter die Knastbrüder von Harvey Keitel. Wir hatten nicht mehr viel Geld, doch die deutsche Casting-Agentur schickte uns fantastische Leute, welche die Szenen deutlich stärker machten.

The Grand Budapest Hoteltip Drehen Sie mit einem eingespielten Kreativ-Team, oder versuchen Sie bei jeder Produktion neue Leute zu integrieren?
Wes Anderson Beides. Und das ist nicht unkompliziert. Neue Mitarbeiter am Set staunen stets, wie exzentrisch wir offenbar arbeiten. Ein Beispiel? Nun, wir gehen zum Beispiel los, um für eine Szene einen Bahnhof als Hintergrund zu finden. Und entscheiden uns in der Regel für einen Drehort, der jede Menge Vorteile hat – aber keinen Bahnhof weit und breit! Der wird dann eben durch ein Schild repräsentiert, während die Szene komplett umgeworfen wird. Zudem arbeite ich gern sehr schnell. Die Mittagspause habe ich abgeschafft, es gibt nur für 15 Minuten Suppe. Mit den Jahren habe ich gelernt, lieber früher fertig zu sein, als durch eine Pause kreative Energie zu verlieren. Essen macht träge. In der zweiten Hälfte der Produktion gibt es aber mehr als Suppe, sonst wird das Team müde. Und wenn ich direkt vergleiche: „Die Tiefseetaucher“ war ein vergleichbar großer Film mit hundert Drehtagen in Italien. „Grand Budapest Hotel“ hingegen drehten wir in fünfzig Tagen. Übrigens mit zwei Deutschen als besten Requisiteuren, die ich je getroffen habe und auch für kommende Filme anheuern will.

tip Deren Arbeit man manchmal kaum würdigen kann, so schnell reiht der Film wunderbar komponierte Bilder-Tableaus aneinander. Warum das hohe Tempo der Geschichte?
Wes Anderson Das ist eine Sorge, ehrlich gesagt. Habe ich den Film zu lange geschnitten, bis er zu schnell wurde? Jedenfalls habe ich beim Drehen und bei der Postproduktion die Neigung, Ideen durch mehr Informationen zu verstärken. Hier ein Zwischenschnitt, dort ein dekoratives Element – ich möchte dem Film immer Material hinzufügen und Szenen unterstreichen, wo viele Regisseure vielleicht zurückhaltender wären. Es ist ein Instinkt, und ich hoffe, dass im Kino nicht zu viele Leute das Gefühl haben, am liebsten mal zurückspulen zu wollen.

The Grand Budapest Hoteltip Darstellerisch bietet der Film eine Best-of-Anderson-Galerie bis zu Bill Murray und Jason Schwartzman aus Ihrem Durchbruch „Rushmore“. Warum die Vorliebe für Ensembles und bestimmte Schauspieler?
Wes Anderson Zum einen gibt es auch viele, die Nein sagen in der Branche, weil ihnen die Rollen oder ein Projekt nicht zusagt. Es ist immer gefährlich, geschätzten Schauspielern Rollen klar anzubieten – nach meiner Theorie bekommt man sie eher, wenn sie von dem Stoff hören und selbst Interesse entwickeln. Damit man Vielleicht sagen kann, wenn sie fragen! Zudem weiß ich inzwischen auch, dass ich genug alte Freunde wie Murray habe, bei denen ich im Notfall auf Hilfe bestehen kann, wenn ich nicht zu viel Zeit stehle. Das Budget ist bei mir immer an der Grenze, ich werde nie Blockbuster-Gagen für Schauspieler zahlen können.

tip Ist bei Ihrer Vorliebe für fast hermetisch komponierte Bilderwelten eigentlich denkbar, dass Sie sich mal eine Kamera schnappen und im Guerilla-Stil im Dschungel filmen?
Wes Anderson Jetzt, wo Sie es sagen, hätte ich unbedingt Lust auf einen Dschungelfilm, wenn mir dazu eine Geschichte einfällt. Doch Folgendes würde wahrscheinlich passieren: Irgendwann stehe ich in einem überwältigenden Dschungel. Und überlege am ersten Tag, ob man das Dorf für einen schönen Schuss nicht verschieben könnte – bis der Dschungel am Ende komplett choreografiert ist.

Text und Interview: Roland Huschke

Fotos: 2013 Fox Searchlight

Foto Wes Anderson: Internationale Filmfestspiele Berlin

Termine: Termine: Fr 07.02. 12:00, Friedrichstadt-Palast (D), Fr 07.02. 18:00; Friedrichstadt-Palast (D), Fr 07.02. 19:00 ?Haus der Berliner Festspiele (D); Do 06.02. 20:30, Friedrichstadt-Palast (D); Sa 08.02. 21:30 ?Eva Lichtspiele (D); Do 06.02. 19:30, Berlinale Palast (D)

Zur Person Wes Anderson?
„Quirky“ ist ein englischer Begriff, der immer wieder im Zusammenhang mit den Filmen Wes Andersons fällt und der mit „verschroben“ nur unzureichend übersetzt ist. Anderson bevorzugt ähnlich wie sein französischer Kollege Michel Gondry eine haptische Ästhetik. Seine Filme sind vollgestopft mit seltsamsten Devotionalien – Paraphernalien einer unabgeschlossenen Kindheitserinnerung – und skurrilen Gestalten. Mit Bill Murray, Jason Schwartzman, Adrien Brody und den Wilson-Brüdern Owen und Luke versammelt er seit Jahren ein vertrautes Team um sich.

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