Berlinale 2014

Wes Anderson über „Grand Budapest Hotel“

The Grand Budapest Hotel

Das Home House, ein gedämpfter Privatclub in London nahe des vorweihnachtlichen Gewusels der Oxford Street. Durch schmale Korridore und über steile Stiegen, vorbei an handverlesener Kunst und mit Hilfe schrulligen Personals, geht es zu dem Regisseur, der diesen Ort als geheimen Treffpunkt gewählt hat. Natürlich könnte die Members-Only-Enklave auch eine dieser wunderlichen Welten eines Wes-Anderson-Films sein. Ein Refugium vor schnöder Realität wie das U-Boot in „Die Tiefseetaucher“ oder der Haushalt der „Royal Tenenbaums“, reich an Details und Geschichten.
Welten und Personal des Wes Anderson – man erkennt die preziöse Gestaltung und vertrauten Charaktergesichter seiner Filme aus hundert Metern als singuläre Vision ihres Machers. Gerade ist mit „The Wes Anderson Collection“ eine Goldgrube von einem Buch erschienen, das wahnwitzig genau jeden Winkel seiner Filme illustriert. Und nun sitzt er im Tweed-Anzug und mit schmalen, gefalteten Händen auf einem Brokat-Sofa, um von „Grand Budapest Hotel“ zu erzählen.
In Deutschland gedreht und bei der Berlinale ein ersehnter Eröffnungs-Coup, ist sein neuer Film im Kern wieder liebevolle Betrachtung einer komplexen (Ersatz-)Familie. Nur dass in „Grand Budapest Hotel“ zwei Fremde ohne Gemeinsamkeiten zusammengeschweißt werden – ein exaltierter Concierge (Ralph Fiennes) und ein schüchterner Lehrling (Tony Revolori), bald schwer geprüft als Detektivteam aus Surrogat-Vater und Sohn.
Wes AndersonWährend man dann aus dem Zählen der Gaststars gar nicht mehr herauskommt, die Anderson auf zwei Zeit- und in drei Handlungsebenen unterbringt, wird klar, dass er sich ein kleines Epos als Ziel gesetzt hat, für ein potenziell größeres Publikum als die treue Fanschar seiner puppenhaushaften Stilverliebtheit. Auch „Grand Budapest Hotel“ ist obsessiv verspielt, doch der Ton ist manchmal hoch dramatisch mit Mitteln des deutschen Expressionismus. Eine Reifeprüfung. Das Hotel gerät in die Wirren des Krieges, Ausländern droht Deportation oder Tod durch uniformierte Schergen. Dazwischen Willem Dafoe als stummer Mörder und bester Katzenschreck der Kinogeschichte. „Grand Budapest Hotel“ ist eine grandiose Gratwanderung zwischen Slapstick und Schwermut.
„Ich sah selbst erst im Schnitt, wie dunkel der Film an einigen Stellen wurde, doch diese spezielle Story musste eben auch unschöne Konsequenzen haben“, so Anderson beim tip-Exklusivinterview. Er ist selbstsicher geworden seit unserer Begegnung vor dem ersten Berlinale-Besuch mit „The Royal Tenenbaums“. Das ewig Studentische mag sich der Texaner mit der europäischen Sensibilität bewahrt haben. Doch Anderson ist nicht mehr nervös. Er spricht mit der Reife eines Filmemachers, der den nächsten Schritt in der Karriere-Evolution gegangen ist – und seinen vielschichtigsten, vielleicht sogar besten Film geschafft hat.

tip Mr. Anderson, die Weltpremiere von „Grand Budapest Hotel“ wird bei der Berlinale gefeiert – sind solche Termine für Sie als Festival-Liebling eigentlich noch Grund zur Aufregung?
Wes Andersen An den kurzen Trubel von Festivals gewöhnt man sich, doch ich habe einen Film nie mit Publikum gesehen, bevor ich den Premierensaal betrete. Ohne Angst vor einem Reinfall geht das nie. Doch bei diesem Film habe ich ein gutes Gefühl und bin froh, dass Dieter und seine Gang interessiert waren. Wir drehten in Görlitz, und der Film ist stark von deutscher Architektur und Kultur beeinflusst – einen besseren Platz als die Berlinale kann ich mir dafür nicht vorstellen.

The Grand Budapest Hoteltip Der Film schließt mit einer Widmung an Stefan Zweig. Welche Ideen verdanken Sie dem Autoren?
Wes Andersen Meine Filme zehren von sehr vielen Einflüssen. Doch ich entdeckte Zweig vor acht Jahren und liebte etwa seine altmodische Technik, eine Erzählung damit zu beginnen, dass zwei Fremde aufeinandertreffen und ein Geheimnis im Raum steht. Das habe ich für „Grand Budapest Hotel“ übernommen, aber Zweig war auch eine reiche Quelle an Eindrücken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und wenn die Abenteuer der Hauptfigur beginnen, orientierte ich mich an deutschen und österreichischen Regisseuren, die in den Dreißigern nach Hollywood emigrierten.

tip Unmöglich, die Abenteuer des distinguierten Concierge Gustave in drei Sätzen wiederzugeben – ?wie entwickeln Sie Ihre oft überschäumenden Drehbücher?
Wes Andersen Ich las mal ein Interview mit Tom Stoppard, in dem er sagte, dass seine Stücke immer die Kombination zweier zentraler Ideen seien – und akzeptiere seither, dass es für mich genauso klappt, wo mich der Prozess früher irritierte. Die Figur des Gustave basiert schon seit Jahren auf einem Bekannten, ursprünglich hatte ich für ihn eine Story in der Gegenwart im Sinn. Doch als ich experimentierte, um Gustave mit meiner Liebe für Zweig und seine Ära zu kombinieren, war das Drehbuch in drei Monaten abgeschlossen.

tip Mal nebenbei: Haben Sie je überlegt, selbst einen Roman zu schreiben?
Wes Andersen Ich glaubte immer, ich würde einmal Buchautor, doch der Umstand, dass noch kein Roman vorliegt, sagt wohl alles. An Kurzgeschichten arbeite ich durchaus öfter – um hoffentlich einmal einen Film zu machen, der acht Kurzgeschichten verbindet. Am Ende tendiere ich also eher zu acht kleinen Scripts als zu literarischen Höchstleistungen.

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