Berlinale 2016

„24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached

Der Anruf des Festivalleiters kam kurz nach Weihnachten. Abends um neun, während einer Yogastunde, mitten im Pflug, einer Stellung, bei der die Beine sich hinterm Kopf befinden. Normalerweise nimmt Anne Zohra Berrached das Handy nicht mit in die Yoga-Klasse, normalerweise geht sie auch nicht ran. Diesmal war es anders. Berlinale-Chef Dieter Kosslick war dran und fragte: „Sie wissen schon, warum ich anrufe?“ Die Regisseurin Anne Zohra Berrached fragte zurück: „Und Sie wissen schon, dass ,24 Wochen’ ein Abschlussfilm ist? Wissen Sie, was Sie da tun?“.
Natürlich weiß Kosslick, was er da tut. Er will diesen Diplomfilm der Filmakademie Baden-Württemberg, der sich mit dem harten Thema Spätabtreibung beschäftigt, unbedingt im Wettbewerb haben.  
Anne Zohra Berracheds Drama „24 Wochen“ ist der einzige genuin deutsche Film im diesjährigen Wettbewerb. Er ist das Ergebnis einer gründlichen Recherche und einer ungewöhnlichen Inszenierung.  Am Anfang stand ein Zeitungsartikel über Spätabtreibung, erzählt Anne Zohra Berrached beim tip-Interview. Wenn das Kind eine Fehlbildung hat, ist eine Abtreibung in Deutschland mittels einer Indikation bis zum Einsetzen der Geburtswehen möglich. Neun von zehn Frauen brechen die Schwangerschaft ab, wenn beim Kind das Down-Syndrom diagnostiziert wird. „Das ist kaum bekannt“, sagt Anne Zohra Berrached. „Ich habe auch keine Filme gefunden, die sich damit beschäftigen. Klar, es gibt Filme, in denen sich Frauen für ein süßes Kind mit Down-Syndrom entscheiden. Aber ich habe keinen Film entdeckt, in dem sich eine Frau für eine legale späte Abtreibung entscheidet. Und mich interessiert es, genau dort hinzugucken, wo andere nicht hinschauen.
Julia Jentsch spielt diese Frau, die die Entscheidung über Leben und Tod treffen muss, an ihrer Seite agiert Bjarne Mädel. „24 Wochen“ sei eine Mischform aus Spielfilm und Realität. Echte Ärzte und Hebammen wirken mit, gedreht am realen Arbeitsplatz. Vor der Kamera taten sie einfach das, was sie beruflich sonst auch machen. Die Schauspieler hingegen ließ Anne Zohra Berrached immer mal wieder im Unklaren: „Zum Beispiel wenn die werdenden Eltern in der Mitte des Films ein entscheidendes Treffen mit einem realen Pränatal-Diagnostiker und einem realen Chirurgen haben. Da habe ich Julia Jentsch und Bjarne Mädel in diese Szene einfach reingesetzt, ohne dass sie wussten, wohin die Reise geht. Mich interessiert der echte Moment, wenn etwas Überraschendes passiert. Genau da will ich hin: dass die Schauspieler in eine Situation kommen, die sie vorher nicht geübt haben. Wenn sie innerlich bewegt sind, fühlt sich das, was sie vor der Kamera tun, authentisch an.“
In jeder Hinsicht eine Überraschungsregisseurin, diese 33-jährige diplomierte Sozialpädagogin aus Erfurt. Nach dem Studium arbeitete sie in London, schmiss hin, reiste eine Zeitlang in der Welt herum und suchte nach ihrer Berufung. Irgendwann riet ihr jemand: „Probier’s doch mal mit Film!“ Gut geraten.

Text: Volker Gunske

Foto: Friede Clausz | zero one film

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