Berlinale 2016

„45 Years“ von Andrew Haigh im Wettbewerb

Fünf Tage vor der groß geplanten Feier zum 45. Hochzeitstag erhält Geoff Mercer eine Nachricht: nach über 50 Jahren sei die Leiche seiner Jugendliebe Katya, die beim Bergsteigen in eine Gletscherspalte gestürzt war, endlich gefunden worden. Das ist wie ein Stein, der in einen ruhig da liegenden See geworfen wird. In der Folge beobachtet Andrew Haigh in „45 Years“ wie sich die Wellen und Schwingungen, die die anfänglich so leicht scheinende Erschütterung auslöst, immer weiter ziehen und immer tiefer dringen, bis am Ende alles stürmt und tobt.
Dabei jedoch bleibt es an der Oberfläche ruhig. Weil Kate, Geoffs Frau, die damit zurecht zu kommen versucht, dass sie von dieser Liebe nicht genug wußte, von Charlotte Rampling verkörpert wird; und wenn jemand einen Aufruhr in der Tiefe mit minimalen mimischen Mitteln hochspannend darstellen kann, dann sie. Tom Courtenay in der Rolle Geoffs verkommt da fast zum Stichwortgeber, nein, er hat im Grunde keine Chance gegen Ramplings subtiles Spiel.
Das schauspielerische Ungleichgewicht wirkt sich freilich ein wenig dämpfend aus auf den Gesamteindruck dieses intimen Beziehungsdramas, trübt jedoch weder dessen fein nuancierte Reichhaltigkeit noch dessen Aussagekraft. Denn nicht nur von der Entdeckung eines Geheimnisses erzählt Haigh, sondern auch von der Aufdeckung einer Täuschung. Der plötzliche Vertrauensverlust, der nagende Zweifel, das allmähliche Verstummen, sie zeugen nicht zuletzt von falschen Voraussetzungen und fehlgehender Verständigung. Der irreparable Schaden, den Geoffs Vergangenheit in Kates Gegenwart anrichtet, er lag bereits vor. Eine bittere Erkenntnis, auf faszinierende Weise erlangt.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Agatha A. Nitecka/ 45 Years Film Ltd

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Termine: 45 Years

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