Berlinale 2016

„Aferim!“ von Radu Jude im Wettbewerb

Aferim!

In seinen ersten beiden Filmen lieferte Radu Jude Nahaufnahmen einer rumänischen Gegenwart, die von Kapitalismusverlierern und -gewinnern handelten. Nun tritt der Berlinale-Stammgast erstmals im Wettbewerb an und begibt sich in „Aferim!“ in die Gründungszeit seines Heimatlandes. Sein bildstarker schwarzweißer Eastern spielt 1830, als das Land nach dem türkisch-russischen Krieg unter russischer Besatzung stand; Regionalfürsten beherrschten das Land, die Roma-Bevölkerung – „Aferim“ – dienten als Sklaven.
Judes Film begleitet den langen Ritt eines örtlichen Gendarms und dessen Sohn, die den Süden der Walachei durchstreifen, um einen entflohenen Sklaven zu fassen und die Belohnung einzustreichen. Der Reise führt durch steppenartige Wildnis, Moorland und Dörfer, Priester, Bauern, Roma-Sippen und lokale Gendarmen kreuzen den Weg und werden wahlweise bestochen oder mit Gewalt bedroht. Vom Pferderücken aus wird dabei viel von Gott und guten Taten schwadroniert neben derben Auslassungen über Türken, Russen, Juden und vor allem „Zigeuner“ – nichts weiter als Untermenschen für den Kopfgeldjäger.
Gemessen an seinem Thema um Ausbeutung und Auslieferung gelingt Radu Jude ein staunenswert humorvoller Film mit gesalzenen Dialogen und lebendigen Figuren, die von fern an die Roadmovies von Jarmusch oder Kusturica erinnern. Das Finale kommt schließlich mit der notwendigen Wucht daher, samt lakonischem Schlussritt gen Horizont nach Art eines klassischen Western. Dass der Goldene Bär schon vor zwei Jahren nach Rumänien ging, dürfte Judes Aussichten auf den Hauptpreis schmälern, leider.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Silviu Ghetie

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Termine: Aferim

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