Berlinale 2016

„Almanya – Willkommen in Deutschland“ im Wettbewerb

Almanya

Worauf manche Filmemacher viele Jahre lang hinarbeiten, das gelingt den Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli schon bei ihrer ersten Kinoproduktion. Ihre Komödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ wird prompt nach der Sichtung für das Wettbewerbsprogramm der Berlinale ausgewählt. Sie läuft zwar außer Konkurrenz, aber wer will jetzt kleinlich sein. Einen besseren Platz gibt es nicht für eine Komödie, die schwungvoll thematisiert, was Menschen wie Sarrazin genüsslich in den Dreck ziehen: Den Mut und die Assimilationsleistung derer, die in den 60er-Jahren als „Gastarbeiter“ für das Wirtschaftswunder Deutschland schufteten. So wie die Großeltern von Yasemin und Nesrin Samdereli. „Almanya ist eine Hommage an sie“, sagt Nesrin Samdereli, 1979 in Dortmund geboren. „Wir wollten aber nicht der Tendenz aus den 70er-Jahren folgen, als Filme von außen die Geschichte der Immigranten in depressiven und extremen Bildern zeigten. Darin fanden wir uns nicht wieder.“ Stattdessen wählten die Schwestern für ihre über mehrere Jahrzehnte beobachtete Einwanderergeschichte einen subjektiven, fast schon idealisierenden Blickwinkel und spicken sie mit Anekdoten aus der eigenen Kindheit.
Almanya„Immer wenn Menschen mutige Schritte machen, hat das Konsequenzen“, sinniert Yasemin. „Unsere Großeltern kamen aus dem Dorf Menikler bei Erzincan. Sie kamen für das Wohl der Familie. Wir haben zwar ein Stück Heimat verloren, aber hier unseren Frieden gefunden“. Fremdsein – klar kennen die beiden auch die negativen Aspekte dieser Erfahrung. Doch in ihrem Geburtsort bei Dortmund gab es nur wenige Immigrantenfamilien. Nesrin war die einzige Muslimin in einer katholischen Grundschule, schmetterte Kirchenlieder, und die sechs Jahre ältere Yasemin spielte Querflöte in einem Spielmannszug. Die als Schneiderin und Busfahrer arbeitenden Eltern gaben den Töchtern eines auf den Weg: Lernt und macht euch von Männern unabhängig! Dabei dachten sie eher an renommierte Berufe wie Rechtsanwältin oder Ärztin. Als Yasemin jedoch mit zwölf Jahren eine „Making-Of“-Dokumentation im Fernsehen sah, wusste sie, was sie einmal werden will. „Mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie Filme überhaupt entstehen und wer sie überhaupt macht. Und das ließ mich nicht mehr los“, sagt Yasemin, die dann in München an der HFF Regie studierte. Erste Kurzfilme (u.a. „Kismet“) entstanden, 2002 drehte sie für Pro7 „Alles getürkt!“, es folgten „Ich Chefe, du nix“ (2007) und Drehbücher für die erfolgreiche ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“.
AlmanyaNesrin, mit großem Talent für das Erzählen von Geschichten, ließ sich vom schwesterlichen Enthusiasmus für den Film anstecken und beendete 2009 ihr Studium an der dffb. Seit 16 Jahren arbeiten die Schwestern nun an Geschichten, schreiben Drehbücher, ergänzen sich in der Regiearbeit und potenzieren ihre Stärken. Als bevorzugtes Genre hat sich bislang die Komödie bewährt, erst recht bei der Integrationsdebatte: „Es hilft nicht, immer nur auf Unterschiede hinzuweisen und das Scheitern zu zeigen. Wenn bei ‚Almanya‘ Türken wie Deutsche über den Culture-Clash lachen können, dann tun wir mehr für die Integration als gewisse nicht nennenswerte Herren“, sagen Yasemin und Nesrin Samdereli. Nicht nur darauf können sie stolz sein.

Text: Cristina Moles Kaupp

Almanya – Willkommen in Deutschland (Wettbewerb, außer Konkurrenz)
12.2., 19.30, Berlinale Palast
13.2., 12.00, Friedrichstadtpalast
13.2., 22.30, Urania
14.2., 12.00, Friedrichstadtpalast
14.2., 21.30, Passage

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