Berlinale 2016

„Als wir träumten“ von Andreas Dresen im Wettbewerb

Nachdem sich im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb anfänglich starke Frauen im ewigen Eis, unwirtlichen Wüsten oder der französischen Provinz behaupten mussten, scheint nun die Stunde der Männer zu schlagen. Erst ein greiser Meisterdetektiv, dann ein Sinn suchender Hollywood-Regisseur und jetzt, als Steigerung des Ganzen, steht in Andreas Dresens „Als wir träumten“ eine ganze Jungs-Clique im Fokus.
Dani, Rico, Paul, Mark und Pitbull waren bereits die Helden in Clemens Meyers mächtigem Debüt gleichen Titels. 2006 legte der damals 29-jährige Schriftsteller seinen 500 Seiten starken, wortgewaltigen Roman vor. Eine episodenhaft erzählte, ungeschönte Milieustudie um fünf Schulfreunde aus Leipzig-Ost und deren von Gewalt, Alkohol und den großen Wünschen der Jugend getränkte Wirklichkeit.
Knapp zehn Jahre später bringt Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“, „Sommer vorm Balkon“) den Stoff auf die Leinwand und fand dafür in Wolfgang Kohlhaase, der das Drehbuch dazu schrieb, einen kongenialen Partner. Der 83-jährige DEFA-Veteran Kohlhaase, der bereits 1957 das Drehbuch zu Gerhard Kleins Sozialdrama „Berlin – Ecke Schönhauser …“ lieferte, ist seit jeher dem realistischen Blick auf das Schicksal der „kleinen Leute“ verpflichtet. Und er neigt, ähnlich wie Dresen, fiktive Geschichten dokumentarisch zu inszenieren.
Regisseur und Drehbuchautor übernehmen in ihrer nunmehr dritten Zusammenarbeit konsequent Meyers fragmentarische Erzählweise, durchbrechen die Chronologie dabei mit Szenen aus der Vor-Wendezeit, jener DDR-Realität also, die, rückblickend betrachtet, geradewegs in die Trostlosigkeit Leipzigs der ersten Nach-Wendejahre führte. In die Gewalt und Sucht, das Grobe, Kaputte und Gemeine. Eine Welt der sozialen Verwahrlosung, in der der Clique nichts anderes übrig bleibt, als Mist zu bauen. Die Jungs randalieren, knacken Autos, saufen und beklauen Omas. Als sie in einer alten Industriehalle einen illegalen Technoclub eröffnen, scheint es kurzzeitig einen Ausweg aus der Misere zu geben. Doch dem Traum vom coolen Clubbetreiber-Dasein stellen sich schon bald hässliche Nazischläger in den Weg. Leipzig ist eben nicht Berlin und elektronische Tanzmusik nicht immer ein probates Mittel zur Selbstverwirklichung. Was bleibt sind zerplatzte Wünsche, Drogen, Pornohefte, Jugendknast.
„Als wir träumten“ ist ein Abgesang auf die „blühenden Landschaften“. Ein zorniger, vom jungen Ensemble, allen voran von Merlin Rose in der Rolle des Dani, mit Nachdruck und Leidenschaft überzeugend gespielter, aber kaum Hoffnung gebender Film, an dem bis heute mehr Wahres dran ist, als man sich wünscht.

Text: Jacek Slaski

Foto: Pandora Film

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Termine: Als wir träumten 

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