Berlinale 2016

Bei den Dreharbeiten zu „Schlafkrankheit“

Die Schlafkrankheit

„In dieser Nacht haben wir die Jagdsequenz gedreht. Anstatt Alex das Projekt vorzustellen, führt Ebbo ihn in den Wald. Sie stapfen mit Taschenlampen und Gewehren durch die Nacht und legen an, sobald ein Paar Augen im Lichtkegel aufblitzt. Die Jagdmethode ist üblich in Kamerun, da wird auf alles geschossen, was sich bewegt. Es war sehr, sehr schwer, mit der Ausrüstung, mit den Lkws an die Waldmotive zu kommen. Wir mussten auf einige großartige Drehorte verzichten, weil der Zustand der Straßen zu schlecht war. Wir haben zwar in der Trockenzeit gedreht, aber darauf kann man sich nicht verlassen. Und Regen im Urwald, das ist eine Riesenkatastrophe. Da muss man den Dreh abbrechen, in die Autos springen und losfahren, damit man überhaupt noch rauskommt aus dem Gebiet. Der Qualm auf dem Bild, das sind Insekten, die in unsere Scheinwerfer fliegen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Kilo bedrohte Arten da jede Nacht von unseren HMIs gegrillt wurden.“

Die Schlafkrankheit

„Da sehen wir ganz schön fertig aus. Ich bin nicht rasiert, weil die Pumpe in Sakbayeme immer wieder ausfiel und wir zeitweise kein Wasser zum Duschen hatten. Neben mir ist Jochen Dehn, der Ausstatter, Maren Ade, eine der
Produzentinnen, im Hintergrund der Oberbeleuchter Stefan Rother, der Set-Aufnahmeleiter Renй Kibritй und meine Regieassistentin Annette Drees. Das ist ein Moment der Erschöpfung und Verzweiflung. Wir warten auf einen Lkw, der nie ankommen wird, und haben keinen Handy-Empfang in diesem Tal. Immer wieder fährt jemand los, kommt Stunden später wieder und sagt: ‚Der Lkw ist noch 50 km entfernt und steckt in einem Schlammloch.‘ Oder: ‚Der Fahrer hatte nicht genug Geld und der Tank ist leer, und wir müssen erst …‘ Das war einer der Tage, wo es nicht rundlief, wo wir aber durch Improvisation eine Szene hingekriegt haben, die eine meiner Lieblingsszenen im Film geworden ist. Auf dem Bild sieht man keine Afrikaner. Auch wenn ich mich manchmal ziemlich neokolonial gefühlt habe, war das nicht die Realität. Vielleicht waren die anderen im Team nur klüger als wir und saßen in den Autos, um sich vor den Insekten zu schützen.“

Die Schlafkrankheit

„Das ist das Öko-Resort, das Ebbo mit seinem Freund Gaspard aufbauen will, unser aufwendigstes Set. Wir haben es eigens für den Film gebaut, 30 Minuten von der nächsten Piste entfernt. Fitzcarraldo für Arme. Als ich den Aufbau zum ersten Mal sah, dachte ich: ‚So wolltest du nie arbeiten. Ich würde viel lieber das Making-of zu dem Film drehen. Ich könnte einfach nur zuschauen und es wäre vielleicht der spannendere Film.‘
Pierre Bokma, der Ebbo spielt, ist Niederländer. Er spricht Französisch mit den Kamerunern und den anderen Expats und Deutsch mit seiner deutschen Familie. Aber im Affekt redet er auch Holländisch im Film. Mich hat die Internationalität der Expat-Community interessiert, in der die Helfer leben. Viele sind in keiner Sprache mehr zu Hause. Sie haben ihre Muttersprache verloren oder benutzen sie kaum. Sie wissen nicht, wo sie hingehören und sind entwurzelt.“

Texte: Ulrich Köhler

Schlafkrankheit (Wettbewerb)
12.2., 16.30, Berlinale Palast
13.2., 9.30, Friedrichstadtpalast
13.2., 17.30, Urania
13.2., 21.30, Toni & Tonino
13.2., 22.30, International

zurück | 1 | 2

Mehr über Cookies erfahren