Berlinale 2016

Bei den Dreharbeiten zu „Schlafkrankheit“

Die Schlafkrankheit

Vor einem Jahr hat Ulrich Köhler mit den Dreharbeiten zu seinem Film „Schlafkrankheit“ begonnen, in Kamerun – ein weiterer Mobilitätsschub für die Berliner Schule, die sich ohnehin längst in alle möglichen Richtungen verbreitert hat. Köhler hat in seinen vorangegangenen Filmen einen Bundeswehrrekruten für ein träges Wochenende desertieren lassen („Bungalow“) und danach einer Frau zugesehen, wie sie sich in nur ein paar Tagen immer weiter von ihrem alten Leben entfernt („Montag kommen die Fenster“). In „Schlafkrankheit“ erzählt er nun von zwei Männern, die beide mit unsicheren Identitäten ringen. Der eine scheint sich ganz in Kamerun zu verlieren, der andere sucht eine Verbindung zu einem Kontinent, der ihm fremd ist. Bevor „Schlafkrankheit“ im Wettbewerb der Berlinale Weltpremiere feiern wird, haben wir uns gemeinsam mit Köhler Bilder der Dreh­arbeiten angesehen und uns dazu Geschichten erzählen lassen. Eine Reise vom Kreisverkehr in Yaoundй bis in die elektrifizierte Urwaldnacht von Sakbayeme.

Text: Robert Weixlbaumer

Die Schlafkrankheit

„Das ist der 29. März 2010, gegen 20 Uhr, in Yaoundй, Hauptstadt von Kamerun, am Kreisverkehr Longkak, unser letzter Drehtag. Alex, die zweite Hauptfigur, kommt in Kamerun an und wurde am Flughafen sitzen gelassen, musste sich mit Taxifahrern rumschlagen und ein Hotelzimmer suchen. Er geht zum ersten Mal in die Stadt, will sich Zigaretten kaufen und legt sich mit dem Verkäufer an. Er denkt, er wird über den Tisch gezogen, hat sich aber im Umrechnungskurs getäuscht. Beschämt entschuldigt er sich. Die Figur ist Alex Nzila, ein französischer Arzt mit kongolesischen Wurzeln, der zum ersten Mal als Gutachter nach Afrika geht. Aber der Leiter des Schlafkrankeitsprojekts, Ebbo Velten, ein holländischer Arzt, hat wenig Interessse an Alex’ Evaluierung und entzieht sich immer wieder. Wir haben die Szene halb dokumentarisch gedreht, die Menschen im Hintergrund sind Passanten. Es ist in Kamerun schwer, auch nur private Fotos zu machen, ohne dass die Fotografierten wütend werden und sich ausgebeutet fühlen. Sie wollen nicht, dass ein miserabilistisches Bild ihres Landes verbreitet wird. Wir konnten die Szene nur drehen, weil Polizei da war. Wer am Brandenburger Tor dreht, braucht vielleicht auch die Hilfe der Polizei – aber keine Kalaschnikow. Ein Beispiel für die moralische Ambivalenz eines Drehs in Afrika. Ich bin in dieselben Widersprüche geraten wie die Expats, die ich im Film porträtiere.“

Die Schlafkrankheit

„Auf dem Bild sieht man mich und den Alex-Darsteller Jean-Christophe Folly. Der zweite Drehabschnitt spielt auf dem Land. Wir stehen vor dem OP des Krankenhauses, in dem mein Vater vor zehn Jahren gearbeitet hat, meine Eltern waren Entwicklungshelfer. Eigentlich wollte ich dort nicht drehen, weil es da so fiese Mücken, ‚Moutmouts‘, gibt. Ich dachte, Schauspieler und Team würden meutern, wenn sie vier Wochen dort verbringen müssten. Ich bin zwei Monate durch Kamerun gereist und habe über 80 Krankenhäuser besucht. Am Ende haben wir doch in Sakbayeme gedreht, dem Ort, den ich seit 15 Jahren kannte. Er hat einfach am besten zum Drehbuch gepasst. Ich bin vier Jahre in Zaire aufgewachsen, in
einem Dorf an einem großen Fluss. Wir sind nach Deutschland zurück, weil meine Eltern wollten, dass wir eine Heimat haben. Als wir mit der Schule fertig waren, sind sie wieder nach Afrika. Daher kenne ich die Welt, von der ich in ‚Schlafkrankheit‘ rede.“

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