Berlinale 2016

„Cartas da guerra – Letters from War“

 

Portugal dagegen kämpfte noch zwischen 1961 und 1974 gegen die Unabhängigkeitsbewegungen in den portugiesischen Kolonien in Afrika. Mitten hinein in diesen Portugiesischen Kolonialkrieg führt der Film „Cartas da Guerra“. Er basiert auf den Briefen des jungen Militärarztes Antуnio, der 1971 nach Angola geschickt wir, an seine Frau Maria-Josй. Diesen Arzt gab es wirklich. Antуnio Lobo Antunes, geboren 1942, ist heute Psychiater und einer der bekanntesten Schriftsteller Portugals. 2005 hat er die Briefe in Buchform veröffentlich.
Diese Briefe sind von großer poetischer Kraft, ein Stück Literatur, keine reine Dokumentation. Was wichtig ist, denn der Regisseur des Films, Ivo M. Ferreira, hat sich entschieden, Auszüge aus den Briefen vorlesen zu lassen und über die Bilder zu legen. Dabei verweben sich die Tonspur der Brieftexte und die Bildspur der in schwarzweiß gehaltenen Szenen aus dem Krieg so locker, dass die Briefe als eigenständiges Element erhalten bleiben. Die Themen: Liebe, das zunächst noch ungeborene Kind, der Krieg, aber auch die Annäherung an das alltägliche Leben der Menschen aus den das Camp umgebenden Dörfern.
In diesen essayistischen Grundzug des Film hat Ferreira narrative Szenen eingebaut, in denen die Schauspieler direkt agieren und sprechen: Schwerverletzte, die behandelt werden müssen. Offiziere, denen dieser Krieg völlig sinnlos erscheint. Schneller Sex frustrierter Männer. Antуnio adoptiert für einige Zeit ein vierjähriges Waisenmädchen, bis dessen Opa kommt und es mitnimmt.
Der visuelle Grundsound der Schwarzweißbilder mit ihren scharfen Schatten und starken
hell-dunkel Kontrasten erinnert an den Neorealismus und an Fotos, die man beispielsweise von Kriegsreportagen aus Vietnam kennt. Das ist durchaus stimmig. Antуnio, gespielt von Miguel Nunes, sieht im Profil aus wie der junge Elvis. Und die Landschaftsaufnahmen aus Afrika sind atemberaubend, die Inhalte der Briefe sehr interessant.
Doch der Film bleibt in der Innenperspektive hängen. Es geht, das ist bei Briefen nun
mal so, sehr häufig ums Private. Und auch wenn Antуnio ein neugieriger Mensch ist, so bleibt seine Sicht – bei aller freundlichen Bemühung, auch die Angolaner ein wenig zu verstehen – die Innensicht der portugiesischen Kolonialmacht.
Das ist zu wenig, als dass man nach dem Ende des Films ein Wissen über den Portugiesischen Kolonialkrieg hätte, oder um anregend zu sein für die politischen Diskussionen der Gegenwart. Und interpretiert man „Cartas da Guerra“ als Spielfilm, dann stört es doch gewaltig, dass Antуnio quasi ein heiliger Antуnio ist, ein
Mann ohne Fehl und Tadel
, der alles richtig macht, im Gegensatz zu allen anderen Menschen um ihn herum. Die Funktion von Soldatenbriefen aus dem Krieg, der Frau zu Hause genau diesen Eindruck zu vermitteln, reflektiert „Cartas da Guerra“ nicht mit.

Text: Stefanie Dörre

Foto: O Som e a Fъria

Letters from War
(Cartas da Guerra), Portugal 2016, R: Ivo M. Ferreira, D: Miguel Nunes
(Antуnio), Margarida Vila-Nova (Maria-Josй), Ricardo Pereira (Major M.)

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